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Medikamente in Straßenverkehr:Wenn der Körper auf Autopilot fährt

Sehstörungen, Konzentrationsschwächen, Müdigkeit: Medikamente können die Fahrtüchtigkeit auf vielerlei Weise beeinträchtigen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Heuschnupfenmittel, Blutdrucksenker, Schmerztabletten: Viele Medikamente können für Autofahrer zur Gefahr werden. Zehntausende Unfälle pro Jahr dürften auf das Konto von Nebenwirkungen gehen. Doch das Problembewusstsein fehlt - nicht nur bei Patienten.

Von Berit Uhlmann

Zwei Uhr nachts kapitulierte der Geschäftsmann. Als die Gedanken an die Termine des nächsten Tages, an unerledigte Aufgaben und jüngste Streitigkeiten in der Familie noch immer nicht weichen wollten, nahm er doch eine Schlaftablette. Vier Stunden später fiel er der Polizei auf, weil sein Wagen immer wieder Schlangenlinien fuhr. Die Beamten trafen auf einen Mann, der nur langsam und nuschelnd reagierte. Frank Musshoff, Rechtsmediziner am Forensisch-Toxikologischen Centrum (FTC) in München kennt solche Fälle: "Spät eingenommene Schlafmittel können wie Restalkohol wirken." Und doch ist das Bewusstsein für die Gefahren von Medikamenten nicht so ausgeprägt wie das für Alkohol. Als unterschätztes Problem werteten deshalb die Experten auf dem Verkehrsforum der Süddeutschen Zeitung den Umgang mit Medikamenten im Straßenverkehr.

Zwar wissen prinzipiell 99 Prozent der Deutschen, dass Medikamente die Fahrtüchtigkeit beeinflussen können, zitiert Matthias Graw, Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin an der Münchner LMU, aktuelle Umfragen. Doch jeder Sechste gab zu, schon einmal gefahren zu sein, obwohl er genau um die Nebenwirkungen seiner Tabletten wusste.

Und dies ist nur ein Teil des Problems, denn vielen Autofahrern dürfte gar nicht klar sein, welche Medikamente ihnen gefährlich werden können. Die Fahrtüchtigkeit schränken nicht nur etliche Schlaf-, Beruhigungs- und starke Schmerzmittel ein. Auch manche Antihistaminika, die Allergiker einnehmen, einige Blutdrucksenker, Insulin für Diabetiker und selbst ein Teil der frei verkäuflichen Schmerztabletten können Wirkungen haben, die niemand hinter dem Steuer haben will: Müdigkeit, verlangsamte Reaktionen, Schwindel und Übelkeit.

Hinzu können Wechselwirkungen kommen, die Laien gar nicht immer überblicken können. Und schließlich gibt es noch eine große Zahl von Menschen, die ihren Tablettenkonsum gar nicht mehr unter Kontrolle haben: Etwa 1,5 Millionen Personen in Deutschland gelten als medikamentenabhängig.

Die Folgen kann man nur erahnen. Laut einer französischen Studie gehen 3,3 Prozent aller Verkehrsunfälle auf die Wirkungen von Medikamenten zurück. In Deutschland wären dies etwa 80 000 Unfälle pro Jahr. Dennoch werden Pharmaka im Straßenverkehr selbst von Fachleuten nicht unbedingt als großes Problem wahrgenommen. Ärzte und Apotheker müssen ihre Patienten eigentlich auf Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit hinweisen. "Versäumen sie es, können sie im Schadensfall zur Verantwortung gezogen werden", erläutert Graw. Doch es ist fraglich, ob alle Ärzte es in der Hektik des Alltags mit der Belehrung so genau nehmen.

"Als Ausrede für Patienten taugt die fehlende ärztliche Aufklärung im Ernstfall allerdings nicht", sagt Steffen Küpper vom Polizeipräsidium München. Für das Fahren unter Medikamenteneinfluss kann eine Haftstrafe bis zu einem Jahr verhängt werden. Gefährdet der Fahrer dabei andere Menschen, drohen ihm bis zu fünf Jahre Gefängnis. Im Falle eines Unfalls steigt das Strafmaß weiter.

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