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Medikamente:Gefährlicher Beilagensalat

US-Mediziner haben eine Reihe von flüssigen Medikamenten gegen Erkältungen, grippale Infekte und zur Linderung von Schmerzen und Allergien bei Kindern untersucht. Bei fast allen waren die Angaben zur Dosierung widersprüchlich oder fehlerhaft.

Packungsbeilagen sind die Hölle. Man kann sie nicht mehr zusammenfalten, sie sind in unverständlichem Kauderwelsch gehalten, und nach der Lektüre hat man das Gefühl, ein Dutzend akuter Komplikationen und bald auch heimtückische Spätfolgen zu erleiden, wenn man das entsprechende Medikament genommen hat.

Amerikanische Kinderärzte warnen, dass fehlerhafte Dosierhilfen für Medikamente weit verbreitet sind. Dadurch werden besonders Kinder gefährdet.

(Foto: AP)

Ein weiterer Klassiker: In der Packungsbeilage steht, dass zwei Teelöffel des Präparats 30 Millilitern entsprechen. Auf dem mitgelieferten Messbecher steht hingegen neben dem Markierungsstrich, dass zwei Teelöffel zehn Millilitern entsprechen. Ja was nun? Muss man das Mittel selbst mischen, wie jene Antibiotika, die derzeit gegen die grassierenden Lungenentzündungen verschrieben werden, und soll die Dosis bei Kindern auf das Körpergewicht umgerechnet werden, ist die Verwirrung komplett.

Amerikanische Kinderärzte um Shonna Yin von der New York University zeigen im Journal of the American Medical Association vom heutigen Mittwoch, wie verbreitet fehlerhafte und sich mit den Angaben in den Packungsbeilagen widersprechende Dosierhilfen für Medikamente sind (Bd.304, S.1797, 2010). Besonders Kinder sind in Gefahr. "Es gibt zahlreiche Berichte zu unbeabsichtigten Überdosierungen, die auf derartige Irreführungen zurückzuführen sind", sagt Kinderärztin Yin. "Im November 2009 hat die Arzneimittelbehörde zwar Richtlinien für Herstellung, Marketing und Vertrieb der Medikamente erlassen, aber bisher sind die nicht verpflichtend."

Das Ärzteteam hat die 200 meistverkauften Präparate zur Behandlung von Erkältungen, grippalen Infekten, Bauchschmerzen und zur Linderung von Schmerzen und Allergien bei Kindern untersucht, die ohne Rezept erhältlich sind. Es ging nur um flüssige Medikamente wie Säfte, Lösungen und Suspensionen, da bei dieser Darreichungsform die Gefahr einer falschen Dosierung besonders groß ist.

Die Präparate-Palette deckte den gesamten Markt der Flüssig-Mittel für Kinder ab. Und für mehr als 98 Prozent der Medikamente waren die Angaben widersprüchlich oder fehlerhaft. Entweder war auf Messbecher oder Spritze keine Markierung angegeben wie bei einem Viertel der Produkte - oder die Einheiten auf Dosierhilfe und Beipackzettel stimmten nicht überein.

"Ein Problem ist auch die fehlende Standardisierung der Maßeinheiten", kritisiert Shonna Yin. Mal werden Teelöffel im Beipackzettel angegeben, dann wieder Esslöffel. Löffel sind eine erstaunlich antiquierte Messgröße, denn das heimische Besteck kann unterschiedlich groß sein und je nach Haushalt verschiedene Volumina aufnehmen.

Statt einheitlich von Millilitern zu sprechen und sie mit ml (in Deutschland) oder mL (in den USA) abzukürzen, tauchen in Beipackzetteln gelegentlich Abkürzungen auf, die leicht zu verwechseln sind, oder ungewöhnliche Einheiten wie Kubikzentimeter. Manchmal wird die Dosis plötzlich in Milligramm angegeben oder auf den Messbechern stehen Mengenmarkierungen, die in der Dosistabelle im Beipackzettel nicht zu finden sind.

"Es kann nicht sein, dass man als Patient den Dreisatz braucht, um die richtige Dosis zu ermitteln", sagt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. "Auch in Deutschland gibt es erheblichen Nachbesserungsbedarf, damit Medikamente sicherer werden."

Für Darren DeWalt von der University of North Carolina liegt das Problem bei Medizinern wie Herstellern: "Ärzte lernen nicht, dass sich Laien bei den vielen Maßeinheiten schnell vertun. Und Pharmafirmen geben Hunderte Millionen Dollar aus, um die richtige Dosis für eine optimale Wirkung zu ermitteln - nehmen dann aber groteske Fehldosierungen in Kauf, weil die Angabe der Dosis nicht stimmt." Dabei wird das effizienteste Arzneimittel versagen, wenn es weder Patienten noch Ärzte richtig verabreichen können.