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Medikamente für Senioren:Wenn Medikamentenwirkungen sich konterkarieren

Mediziner der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore hatten vor einigen Jahren bereits beispielhaft gezeigt, welche absurden Folgen es in der Praxis hätte, würden Ärzte nicht beachten, was älteren Patienten guttut: Die Forscher beschrieben in ihrem Artikel eine typische 79-jährige Patientin, die an Diabetes, Bluthochdruck, chronischer Bronchitis, Osteoporose und Gelenkrheuma leidet, eine häufige Krankheitskombination in diesem Alter. Die Frau müsste zu fünf verschiedenen Tageszeiten zwölf Medikamente in 19 Dosierungen einnehmen.

Die unübersichtliche Vielzahl der Medikamente und Ratschläge ist besonders misslich, da sich viele Therapieempfehlungen widersprechen und den Patienten schaden können, wenn Einschränkungen für Senioren nicht berücksichtigt werden. Schwächt die Arznei gegen Gelenkrheuma die Wirkung der Tabletten gegen Bluthochdruck ab oder konterkarieren sich andere Arzneikombinationen, bringt das die Patienten unnötig in Gefahr.

Die Leitlinien der verschiedenen Fächer sind von Expertengremien zur Behandlung einzelner Krankheiten erstellt worden", sagt die Altersmedizinerin Cynthia Boyd. "Den Ärzten, die es mit alten Menschen zu tun haben, die an mehreren Krankheiten leiden, ist damit aber nur wenig geholfen." Das Problem ist allerdings methodischer Art, denn die gegenwärtige Medizin stützt sich auf klinische Studien, die sich nur bei Menschen mit nur einer Krankheit relativ einfach durchführen lassen.

Forschung wird zudem meist an Patienten mittleren Alters betrieben, obwohl die Mehrheit der Patienten alt ist und an mehreren Gebrechen leidet. Deshalb gibt es für die Mehrzahl der Kranken, nämlich die Alten, die Kinder (und auch die Frauen), wenige gesicherte Forschungsergebnisse.

Dass der Beispielfall aus der Fachzeitschrift realistisch ist, zeigt die demographische und gesundheitliche Entwicklung in den Industrienationen: In diesen Ländern klagt fast die Hälfte der Menschen jenseits der 65 über mindestens drei chronische Leiden. 20 Prozent dieser Altersgruppe haben sogar fünf oder mehr chronische Erkrankungen.