Süddeutsche Zeitung

Corona-Auflagen:Gefährliche Feiertage

Mehr Masken, aber Lockerungen zu Weihnachten und Silvester. Wie sinnvoll sind die geplanten Maßnahmen aus Sicht der Wissenschaft?

Von Christina Berndt und Christina Kunkel

Härtere und längere Maßnahmen müssen her - so viel war schon vor der Bund-Länder-Runde am Mittwoch klar. Wenn die Infektionszahlen gesenkt und die Intensivstationen nicht überlastet werden sollen, dann ist es mit den Einschränkungen des bisherigen Teil-Lockdowns nicht getan. Deshalb haben Bund und Länder am Mittwoch weitere Maßnahmen beschlossen. Ob das reichen wird? Die wissenschaftliche Sicht deckt sich da nicht voll mit der politischen Einschätzung.

Künftig sollten sich nur noch maximal fünf statt bisher zehn Personen aus zwei Haushalten treffen dürfen. Was nach einer deutlichen Verschärfung klingt, ist am Ende wohl weniger relevant. Da fast jeder zweite Haushalt in Deutschland sowieso nur aus einer Person besteht und Kinder unter 14 Jahren bei den Beschränkungen nicht mitgezählt werden, wird diese Neuregelung vermutlich keinen großen Effekt auf die Infektionszahlen haben. Vor allem, da es weiterhin möglich sein wird, beliebig viele Kontakte zu haben - nur eben nicht zur gleichen Zeit. Die Regelung, wie sie Angela Merkel ursprünglich durchsetzen wollte - also das Reduzieren auf wenige, feste Kontaktpersonen - ist jetzt nicht mehr Teil der Maßnahmen, sondern wird nur empfohlen.

Epidemiologen fürchten die Silvesterpartys

Zwischen Weihnachten und Neujahr werden dann umso mehr Kontakte möglich sein - aus epidemiologischer Sicht eine fragwürdige Entscheidung. In dieser Zeit gilt die Beschränkung auf zwei Haushalte nicht mehr, es können also zehn Erwachsene mit beliebig vielen Kindern zusammen Weihnachten feiern und kurz darauf bei der Silvesterparty wieder ganz andere Menschen treffen. So können schnell Cluster von Dutzenden Personen entstehen. Dies gilt umso mehr, als die beiden Feieranlässe innerhalb einer Woche liegen, es aber bis zu zwei Wochen dauern kann, bis ein Infizierter Symptome entwickelt.

Dass die Altersgrenze der Menschen, die zählen oder nicht zählen, bei 14 Jahren liegt, ist willkürlich. Zwar ist es richtig, dass von jüngeren Kindern eine kleineren Ansteckungsgefahr ausgeht, doch ziehen Wissenschaftler die Grenze in der Regel bei zehn bis zwölf Jahren, genauere Daten fehlen.

Für Betriebe sind hingegen nur wenige Änderungen vorgesehen, Restaurants sollen mindestens bis 20. Dezember geschlossen bleiben, Geschäfte offen. Dies steht im Großen und Ganzen im Einklang mit wissenschaftlichen Einschätzungen. Am gefährlichsten ist es in Innenräumen, wo viele Menschen ohne Masken zusammenkommen. Zuletzt haben Wissenschaftler der Stanford-Universität im Fachmagazin Nature anhand von epidemiologischen und Mobilfunk-Daten errechnet, wo ein besonders hohes Infektionsrisiko besteht. Das ist in Restaurants und Cafés, Fitnessstudios und Kirchen der Fall. Einkaufsbummel sind dagegen kaum infektiös.

Zudem soll es im öffentlichen Raum eine verschärfte Maskenpflicht geben. Zukünftig soll nicht nur in öffentlich zugänglichen Innenräumen, sondern auch auf belebten Orten im Freien - wie zum Beispiel auf Parkplätzen - ein Mund-Nase-Schutz getragen werden. Auch bei der Arbeit darf die Maske nur abgelegt werden, wenn man an seinem Platz mindestens 1,5 Meter Abstand zum nächsten Kollegen hat.

FFP2-Masken bieten mehr Sicherheit

Dass Masken dabei helfen, Infektionen zu verhindern, haben mittlerweile viele Studien gezeigt, auch wenn die Ansteckungsgefahr bei einem flüchtigen Kontakt, noch dazu unter freiem Himmel, deutlich geringer ist als in schlecht belüfteten Innenräumen. Außerdem spielt es eine wichtige Rolle, welche Art von Maske man trägt. Dabei bieten FFP2-Masken die höchste Sicherheit. Deshalb ist es im Sinne des Eigenschutzes gut, wenn gefährdete Personen wie Ältere oder Vorerkrankte mit diesen Masken ausgestattet werden, wie es im neuen Maßnahmenkatalog vorgesehen ist.

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Offen bleiben sollen auch die Schulen und Kindergärten. Dies hat nach Ansicht von Bund und Ländern "höchste Bedeutung". Nur in besonderen Infektions-Hotspots sollen weitergehende Maßnahmen eingeführt werden - dann ist auch Hybridunterricht ab der 8. Klasse möglich. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt allerdings bereits ab einem Inzidenzwert von 50, also 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern in den letzten sieben Tagen, Klassen zu teilen und im Wechsel zu unterrichten, zudem eine Maskenpflicht auch für Grundschüler.

Zumindest soll es jetzt einheitliche Regeln geben, wie mit Corona-Fällen in einer Schulklasse umgegangen wird. Bei einem positiven Befund soll die gesamte Klasse für fünf Tage in Quarantäne, per Schnelltest soll dann geprüft werden, ob der Präsenzunterricht am sechsten Tag wieder losgehen kann. Dieses Vorgehen hatte bereits vergangene Woche unter anderem die Münchner Virologin Ulrike Protzer gefordert.

Während manche Wissenschaftler wie der Berliner Virologe Christian Drosten in Schulen mögliche Hotspots vermuten, halten andere Experten die politische Entscheidung auch angesichts der negativen Folgen von Schulschließungen für richtig. Sie habe "bisher keine PCR-basierte Studie gesehen, die nahelegt, dass es bei Kindern in den letzten Monaten eine große Dunkelziffer gab, zumindest nicht in einem größeren Ausmaß als bei allen anderen Altersgruppen", sagte die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt der SZ. PCR-Tests zeigen aktive Infektionen an. Aber natürlich stelle Präsenzunterricht - vor allem an weiterführenden Schulen - grundsätzlich ein Risiko für Übertragungen dar. Deshalb könne es in Regionen mit sehr hoher Inzidenz bei Schulkindern sinnvoll sein, den Präsenzunterricht so zu gestalten, dass das Übertragungsrisiko minimiert wird - etwa durch Verkleinerung der Klassen älterer Jahrgänge.

Ciesek plädiert zudem dafür, Konzepte für eine konsequente Umsetzung der Abstandsregeln in Schulen zu erstellen und mit einer höheren Frequenz von Verkehrsmitteln und einem versetzten Unterrichtsbeginn dafür zu sorgen, dass Schüler sich nicht auf dem Weg von und zur Schule anstecken. "Wünschenswert wäre zudem eine systematische Erfassung der Infektionsfälle in Schulen", sagt die Virologin.

Dies soll laut Bund und Ländern in Zukunft passieren. Nicht nur an Schulen, sondern auch in Altenheimen soll das Infektionsgeschehen besser kontrolliert werden - durch Schnelltests, die direkt Auskunft darüber geben können, ob ein Mensch gerade sehr ansteckend ist. Wie das praktisch umgesetzt werden soll, ist allerdings noch unklar. "Der Bund hat bis zum Jahresende etwa 27 Millionen Tests geordert", sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Die genaue Verwendung sei aber noch nicht geklärt. Auch ist unklar, wer die Tests vornehmen kann und darf. "Da ist noch einiges im Fluss", so Lauterbach. "Hier wird mit sehr heißer Nadel gestrickt."

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