Süddeutsche Zeitung

Impfpflicht:Acht Tatsachen zur Masern-Impfung

Die gesetzliche Masern-Impfpflicht ist beschlossen. Wie auch immer man zu diesem Schritt steht: Aus wissenschaftlicher Sicht steht der Nutzen der Impfung außer Frage.

Nach dem Willen der Bundesregierung soll die Masernimpfung vom kommenden Jahr an verpflichtend für Kita-Kinder sowie für Beschäftigte in Bildungseinrichtungen, dem Medizinsektor und Flüchtlingsunterkünften werden. Es gibt Experten, die diese Entscheidung kritisieren. Kein Zweifel besteht jedoch am Nutzen der Immunisierung. Die wichtigsten Gründe für die Masernimpfung:

Sie wirkt

Der stichhaltigste Grund für die Masernimpfung liegt in ihrem Erfolg. In etlichen Ländern hat man beobachtet, dass zunächst bessere Hygiene und eine strengere Ausbruchskontrolle die Zahlen der Erkrankten nach unten drückten, die Kurven aber erst dann gegen Null tendieren, wenn die Impfung verfügbar ist. Für die BRD gibt es keine ausreichenden Zahlen, wohl aber aus der DDR. Dort wurde 1970 die erste und 1986 die zweite Impfdosis verpflichtend eingeführt - mit großem Erfolg. Lediglich Anfang der 1980er Jahre gab es Rückschläge, weil zu früh geimpft wurde und wohl auch, weil das Vakzin bisweilen falsch gelagert und transportiert wurde.

Sie schützt alle

Wenige Krankheiten können sich so explosionsartig verbreiten wie die Masern. Erreicht ein Infizierter eine Gruppe von 100 ungeschützten Menschen, steckt er etwa 15 von ihnen an, die ihrerseits zirka 15 Menschen infizieren. Innerhalb von Wochen ist die gesamte Gruppe erkrankt, bis auf einen oder zwei Glückliche, die im Schnitt davonkommen. Aus diesem Geschehen lässt sich errechnen, wie groß der Impfschutz sein muss, damit dem Virus Einhalt geboten wird. Im Falle der Masern liegt er bei etwa 95 Prozent. Haben also in der 100-köpfigen Gruppe 95 den perfekten Impfschutz, können nur noch maximal fünf erkranken. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Infizierte ihnen allen nahe kommt, ist gering, denn die Geimpften schirmen die Ungeimpften effektiv ab. Herdenimmunität heißt dieser kollektive Schutzschirm. Er bietet jenen Sicherheit, die aus irgendeinem Grund selbst nicht geimpft werden können: Babys, die zu klein sind, Kinder, die wegen chronischer Beschwerden nicht immunisiert werden können oder jene, bei denen die Impfung nicht wie erhofft wirkt. Wer sich ohne Grund ungeschützt hinter die Geimpften duckt, missbraucht das System und trägt dazu bei, dass es seine Kraft verliert.

Sie ist ungefährlich

Eine Impfung kann Nebenwirkungen haben, allerdings spricht alles dafür, dass sie seltener auftreten und milder sind als die Symptome der Masernerkrankung. Wie oft genau Nebenwirkungen in Deutschland vorkommen, ist nicht bekannt. Erfasst werden nur Verdachtsfälle, die etwa zur Hälfte einen wahrscheinlichen oder möglichen Bezug zur Impfung haben. Die in der Grafik genannten Zahlen entstammen wissenschaftlichen Studien, auf die sich die Behörden in Deutschland, den USA und Großbritannien berufen. Sie beziehen sich auf die Impfung bei gesunden Kindern.

Sie ist billig

Die kompletten zwei Impfdosen einschließlich des Arzthonorars kosten derzeit etwa 90 Euro. Sie schützen zusätzlich zu den Masern auch noch gegen Mumps und Röteln. Wenn aber ein Masernpatient in einer Klinik behandelt werden muss - 2017 waren das immerhin 40 Prozent aller Erkrankten - belaufen sich die Kosten auf durchschnittlich 2200 Euro. Bei Komplikationen steigt die Summe erheblich: Die teuerste Masern-Behandlung bei der AOK kostete im Jahr 2017 mehr als 15 000 Euro. Eine exakte ökonomische Analyse gibt es für Deutschland nicht.

Sie ist sicher

Immer mehr, immer früher: Eltern sorgen sich gelegentlich, dass die schiere Menge an Impfungen, die der Winzling bekommt, das noch junge Immunsystem überfordern könnte. Tatsächlich werden heute mehr Impfungen verabreicht: Vor 100 Jahren bekamen Kinder lediglich die Pockenimpfung, heute werden sie in schneller Folge gegen 14 Krankheiten immunisiert. Doch die Menge der verabreichten Antigene, also der Fremdstoffe, die das Immunsystem ankurbeln, ist im gleichen Zeitraum sehr viel geringer geworden. Allein der Pocken-Impfstoff, der nach der Ausrottung der Krankheit nicht mehr verwendet wird, hatte fast 200 Antigene. Heute haben alle Standardimpfungen zusammengenommen etwa 150 Antigene. In seiner natürlichen Umgebung ist ein Kind täglich hunderten bis tausenden Antigenen ausgesetzt. Und es ist gerüstet, mit dieser Menge umzugehen. Rechnerisch wären nur 0,1 Prozent der Kapazität des Immunsystems belegt, wenn ein Kind 11 Impfungen gleichzeitig bekäme.

Sie kann das Virus ausrotten

Theoretisch könnte das Masernvirus irgendwann aus der Biosphäre verschwinden. Der Mensch ist sein einziger Wirt, ein hoher kollektiver Impfschutz würde dem Erreger den Boden entziehen. Im Jahr 2010 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die Ausrottung als machbar bezeichnet. Bislang haben etwa 50 Länder - darunter alle Staaten Nord-und Südamerikas - die dafür nötige Impfquote erreicht. Vor wenigen Tagen kam Sri-Lanka hinzu. Deutschland dagegen bleibt der Erfolg seit Jahren verwehrt. Die Quote für beide Impfungen liegt hier bei unter 93 Prozent.

Sie ist notwendig

Nachdem am Anfang des Jahrtausends der Termin für die zweite Masernimpfung auf einen für die Familien günstigeren Zeitpunkt gelegt wurde, ließen mehr Eltern ihre Kinder impfen - und die Erkrankungen wurden hierzulande seltener. Doch noch immer gibt es regelmäßig Ausbrüche. In diesem Jahr wurden bereits knapp 500 Fälle gezählt. Das heißt: Jeder, der nicht geimpft ist oder die Erkrankung noch nicht durchgemacht hat, ist gefährdet.

Sie stärkt den Zusammenhalt

Impfmüdigkeit ist ein bekanntes Phänomen, nicht nur in Deutschland. Wenn die Krankheit selten wird, sinkt auch das Risiko, sich anzustecken. Es kommt der Punkt, an dem es für das Kind wahrscheinlicher ist, eine (wenngleich milde) Impfnebenwirkung zu erleiden, als sich je mit den Masern zu infizieren. Dann sinkt die Impfbereitschaft, und die Krankheit verbreitet sich wieder, bis die persönliche Nutzen-Risiko-Bilanz erneut zu Gunsten der Impfung ausfällt. Theoretisch kann diese Wellenbewegung immer so weiter gehen oder sich auf einem Punkt einpegeln, an dem sich die Furcht vor der Erkrankung und die Angst vor Impfnebenwirkungen die Waage halten. In beiden Fällen wird immer wieder vermeidbares Leid erzeugt. Der Ausweg: Die Gesellschaft erkennt das Muster und versteht, dass das Handeln allein nach der persönlichen Risiko-Kalkulation permanent die Errungenschaft der großen Mehrheit gefährdet. Sie impft weiter und schafft es, das Virus zu besiegen - zum Wohle auch der künftigen Generationen.

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Quelle:
SZ vom 18.07.2019/cat
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