Manipulationen bei Medikamententests Mitunter verschweigen Testpersonen einfach unangenehme Nebenwirkungen

Anders ist das in der EU und in den USA. Dort ist die Bereitschaft, an womöglich gefährlichen Versuchen teilzunehmen, geringer geworden. Denn dort ist niemand auf Testmedikamente angewiesen, um bei einer Krankheit behandelt zu werden. In Indien dagegen haben die Versuchsteilnehmer oft nur die Wahl, entweder überhaupt keine Arznei zu bekommen - oder eben das Versuchspräparat. Und weil schlecht bezahlte Ärzte sich mit der Betreuung eines solchen Versuchs Jahresgehälter hinzuverdienen können, hat es zuletzt immer wieder Fälle gegeben, bei denen Patienten oder deren Angehörige später beklagten, sie seien nicht über den Versuchscharakter ihrer Behandlung aufgeklärt worden.

Ethisch sind Versuche an Menschen oft heikel. Doch zur Entwicklung neuer Präparate gegen schwere Krankheiten sind sie unverzichtbar. Der Weltärztebund hat sich darum ein festes Regelwerk verordnet: Ethische Fragen regelt die Deklaration von Helsinki, die 1964 verabschiedet und zuletzt 2013 überarbeitet wurde. Versuchsteilnehmer müssen danach schriftlich zustimmen, dass sie über den Inhalt der Tests informiert wurden. Doch viele können weder lesen noch schreiben - und sind einfach nur froh, medizinische Hilfe zu bekommen.

Suche der Pharmaindustrie nach den "Drug naives"

Zu den Helsinki-Regularien gehört auch, dass die Gesellschaft, in der die Medikamente getestet werden, später von deren Nutzen profitieren sollte. Deshalb werden die Medikamente auch für diese Märkte zugelassen - sind aber meist zu teuer, als dass die Versuchsteilnehmer in einem Schwellenland sie sich nach Ende des Tests leisten könnten. Mancher ist darum darauf angewiesen, erneut ein Medikament zu testen. Darum kommt es vor, dass Testpersonen Nebenwirkungen verschweigen oder eine Arznei heimlich absetzen. Das Ergebnis der Studie wird so verfälscht.

Schlechte Bedingungen bringen auch ansonsten schlechte Ergebnisse: Widrige Lebensumstände, andere Ernährungsgewohnheiten, ethnische Unterschiede - das alles wirkt sich darauf aus, wie der menschliche Körper ein Arzneimittel aufnimmt und verträgt. Bei einem 60 Jahre alten Deutschen, der neben seinem Blutdrucksenker noch ein Schmerzmittel und ein Antirheumatikum nimmt, kann ein Arzneimittel anders wirken als bei einer 30 Jahre alten Inderin. Denn die ist das, was die Pharmaindustrie sucht: "Drug naive". Sie hat in ihrem Leben noch kaum Pillen geschluckt.