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Mammografie:Eine Frage, viele Antworten

Ab welchem Alter sollten Frauen zum Mammografie-Screening gehen? Und wie häufig sollte die Brust dann untersucht werden? In den USA wurden nun neue Antworten gegeben.

Die Untersuchung hat ähnlich viele Kritiker wie Befürworter. Um kaum einen Früherkennungstest ranken sich so viele offene Fragen wie um das Mammografie-Screening. Sogar Befürworter der regelmäßigen Röntgen-Untersuchung der weiblichen Brust sind sich in etlichen Punkten nicht einig, etwa darin, von welchem Alter an und in welchen Abständen das Screening stattfinden sollte. Die aktuelle Position der amerikanischen Krebsgesellschaft (ACS) findet sich im Fachblatt JAMA (Bd. 314, S. 1599, 2015). Die Vereinigung hat neue Leitlinien herausgegeben: Demnach soll das Screening mit dem 45. Lebensjahr beginnen und bis zum Alter von 55 Jahren jährlich stattfinden. Ab 55 Jahren wird die Kontrolle alle zwei Jahre empfohlen. Ist zu erwarten, dass Frauen nicht mehr länger als zehn Jahre leben, sollte auf Screening-Untersuchungen verzichtet werden.

Ein Team um Diana Miglioretti von der University of California in Davis zeigt parallel dazu im Fachblatt JAMA Oncology (online) am Beispiel von 15 000 Frauen mit Brustkrebs, die zwischen 40 und 85 Jahre alt sind, dass vor der Menopause tendenziell jährliche Untersuchungen zu empfehlen sind. Von den Frauen vor der Menopause, die alle zwei Jahre zur Mammografie gehen, hat ein größerer Anteil fortgeschrittenen Brustkrebs mit ungünstiger Prognose. Bei Frauen nach der Menopause ist der Anteil nicht erhöht. Daraus leiten die Wissenschaftler ab, dass sich vor der Menopause die jährliche Mammografie anbietet, danach alle zwei Jahre. "Der Abstand zur Menopause ist entscheidender als das Alter, wenn es um die Frage nach dem Screening-Intervall geht", so die Autoren.

Die Amerikanische Krebsgesellschaft unterstützt traditionell das Mammografie-Screening. Sie nähert sich mit ihren Empfehlungen der unabhängigen US Preventive Services Task Force an, die - wie auch in Deutschland üblich - zur Mammografie ab 50 und dann alle zwei Jahre bis zum Alter von 70 Jahren rät. Bei Frauen unter 50 ist das Brustgewebe dichter, sodass es häufiger zu Fehlalarmen kommt. Jenseits der 70 werden vor allem langsam wachsende Tumore entdeckt, die zu Lebzeiten keine Beschwerden mehr verursachen.

Ein falscher Krebsverdacht kann erhebliche psychische Belastungen auslösen

In Deutschland haben bisher nur etwas mehr als die Hälfte der eingeladenen Frauen am Screening teilgenommen. Das liegt auch an möglichen Schäden durch falsch positive Befunde, Folgediagnostik, Überdiagnosen und Übertherapie. Im Januar 2015 wurden potenzielle Nachteile im Deutschen Ärzteblatt aufgelistet: Von 1000 Frauen, die zehn Jahre lang alle zwei Jahre am Screening teilnehmen, erhalten 100 bis 300 mindestens einen falschen Krebsverdacht, bei 20 bis 60 von ihnen wird in der Folge per Hohlnadel eine Gewebeprobe entnommen. Durch den falschen Verdacht können psychische Belastungen auftreten. Zudem gibt es unter den 1000 Frauen eine bis fünf, die gegen Krebs behandelt werden, obwohl sie keinen haben.

Der Nutzen fällt nicht so eindeutig aus. "Etwa 85 Prozent der Frauen in ihren 40ern und 50ern, die an Brustkrebs sterben, wären sowieso daran gestorben, egal ob sie am Mammografie-Screening teilnehmen oder nicht", schreiben Nancy Keating und Lydia Pace von der Harvard Medical School zu den Richtlinien der amerikanischen Krebsgesellschaft (JAMA, Bd. 314, S. 1569, 2015). "Der absolute Nutzen ist gerade bei jüngeren Frauen sehr gering: 0,5 von 1000 Frauen in ihren 40ern und 1 von 1000 in ihren 50ern wird aufgrund regelmäßiger Mammografie nicht an Brustkrebs sterben." Für die konkrete Entscheidung heißt das: Es gibt eben nicht nur eine richtige Antwort auf die Frage, ob eine Frau zum Mammografie-Screening sollte oder nicht.

© SZ vom 21.10.2015/beu

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