Menschheitsgeschichte:Wie die Malaria die Welt erobert hat

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Mückenbekämpfung in Kalkutta, Indien. (Foto: Piyal Adhikary/dpa)

Bis heute ist Malaria eine der weltweit tödlichsten Krankheiten. Leipziger Forschende haben ihre Verbreitung im Laufe der Geschichte rekonstruiert und festgestellt: Es waren Menschen, die die Seuche bis in die entlegensten Winkel der Erde brachten.

Von Jan Krüßmann

Die Malaria begleitet den Menschen bereits seit vielen Tausend Jahren. In den hinduistischen Texten der Veda, entstanden vor rund 3000 Jahren an den Ufern von Indus und Ganges, schrieb man das rätselhafte Wechselfieber noch übernatürlichen Mächten zu. „Dem kalten Takman, dem zitternden, und dem wahnsinnigen heißen, dem glühenden, erweise ich meine Ehrerbietung“, heißt es da über den Dämon, der sein Opfer regelmäßig heimsucht. Auch im antiken Griechenland kannte man das Drei- und Viertagefieber. In den Schriften des Arztes Hippokrates findet sich aber eine andere Erklärung: dreckiges Sumpfwasser. Wer es trinke, dem schwelle die Milz an und der werde von den regelmäßigen Fieberschüben geplagt.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist klar, was die wahre Ursache ist: Malaria. An der von Mücken übertragenen Krankheit sterben laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO bis heute jedes Jahr 600 000 Menschen, vor allem Kinder in Tropengebieten. Das macht Malaria zu einer der tödlichsten Infektionskrankheiten weltweit.

Die alten Texte zeigen: Die Menschheit kämpft schon lange mit dieser Krankheit. So lange, dass der Kampf sogar Spuren im Erbgut hinterlassen hat. Forschende glauben, dass einige eigentlich schädliche Genvarianten, etwa die Sichelzellanämie, deshalb nicht evolutionär aussortiert wurden, weil sie weniger anfällig für Malaria machen.

Wo Menschen auf Reisen sind, haben Krankheiten leichtes Spiel

Längst sind aber alte Texte nicht mehr die einzige Möglichkeit, die historische Verbreitung von Krankheiten zu ergründen. Am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die DNA von Malariaerregern untersucht – isoliert aus menschlichen Überresten, die bei archäologischen Grabungen zutage kamen. Die ältesten waren mehr als 5500 Jahre alt. Bei den Untersuchungen machten sie eine spannende Entdeckung, die jetzt im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht wurde: Die Verbreitung der tödlichen Krankheit war maßgeblich Produkt menschlicher Mobilität.

Heute ist die Malaria aus Europa verschwunden. Doch noch vor einem Jahrhundert sei die Krankheit dort sehr verbreitet gewesen, erklärt die Archäogenetikerin Megan Michel in einer Pressemitteilung. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen konnten das Erbgut der früher in Europa heimischen Malariaerreger rekonstruieren. Das Material dafür besorgten sie sich etwa aus archäologischen Grabungen auf einem Friedhof in Belgien, auf dem vom 12. bis zum 18. Jahrhundert Menschen bestattet wurden. Diese DNA konnten sie dann mit Funden aus aller Welt vergleichen.

Lange war nicht sicher, ob die Krankheit schon bei der Besiedlung Amerikas vor rund 15 000 Jahren über die Beringstraße ihren Weg auf den Doppelkontinent fand oder erst durch den Kolonialismus im 16. Jahrhundert. Dieses Rätsel dürfte nun gelöst sein. Die Forscherinnen und Forscher analysierten die DNA eines Erregers aus den peruanischen Anden. Der Parasit war demnach eng verwandt mit den damals auch in Europa verbreiteten Malariaerregern – ein klares Indiz dafür, dass es die Europäer waren, die die Krankheit über den Atlantik brachten. Die befallene Person in Peru starb einer Altersbestimmung zufolge zur Zeit der spanischen Kolonialisierung – so wie Schätzungen zufolge rund 90 Prozent der Indigenen, die keine Antikörper gegen die verschiedenen eingeschleppten Krankheitserreger hatten.

Eine andere, noch gefährlichere Malariavariante, die bis heute in Südamerika verbreitet ist, stammt laut den Forschenden hingegen nicht aus Europa. Ihren Weg nach Amerika fand sie aber wohl trotzdem durch den Kolonialismus: Der Sklavenhandel habe sie aus Afrika auf die andere Seite des Atlantiks gebracht.

Heute ist die Welt so vernetzt, dass lokale Krankheitsausbrüche schnell zu globalen Pandemien werden können. Als vor vier Jahren die ersten Corona-Fälle in Deutschland auftauchten, ließen sie sich zu einer Geschäftsreisenden aus China zurückverfolgen. Auf regionalem Maßstab konnten die Forscherinnen und Forscher diesen Effekt nun auch für Malariaerkrankungen in der Vergangenheit nachweisen.

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So fanden sie auf dem untersuchten Friedhof in Belgien Überreste zahlreicher Menschen aus dem Mittelmeerraum. Viele von ihnen waren infiziert. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um Soldaten, die im Spanisch-Niederländischen Krieg von 1568 bis 1648 für die Habsburger gegen die aufständischen Niederländer kämpften. „Wir stellen fest, dass große Truppenbewegungen damals eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung der Malaria spielten“, sagt Alexander Herbig laut Pressemitteilung, der ebenfalls in Leipzig zur Archäogenetik forscht.

Doch nicht nur Kriege, auch Handel befördert Mobilität und damit die Verbreitung von Krankheiten. An einem knapp 3000 Jahre alten Skelett aus dem Hochland des Himalaja fanden die Forschenden ebenfalls Malariaerreger, obwohl es dort viel zu kalt und trocken für Mücken sei. Obwohl die Region heute abgelegen und unzugänglich erscheine, sei sie früher eine Art „Trans-Himalaja-Autobahn“ gewesen. Man sei von dort leicht nach Indien gelangt, schreiben die Studienautoren unter Verweis auf archäologische Funde. Vermutlich war die Malaria also ein ungewolltes Mitbringsel von einer Handelsreise des Verstorbenen, ähnlich wie die ersten Coronaviren in Deutschland im Januar 2020.

Johannes Krause leitet die Abteilung für Archäogenetik am Leipziger Institut. Auch er sieht große Parallelen zwischen damals und heute: „Wir sehen, wie Mobilität und Bevölkerungsbewegungen in der Vergangenheit die Ausbreitung von Malaria begünstigt haben, genauso wie die moderne Globalisierung heute malariafreie Länder und Regionen anfällig für eine Wiedereinschleppung macht“, wird er in der Mitteilung des Instituts zitiert. Mit seiner Forschung hofft er, ein besseres Verständnis für die Krankheit zu schaffen, die noch lange nicht besiegt ist.

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