Umweltmedizin:WHO empfiehlt viel niedrigere Grenzwerte für Luftschadstoffe

Qualmender Autoauspuff *** Smoke Car Exhaust

Feinstaub und Stickoxide sind selbst im geringsten Mengen schädlich für die Gesundheit.

(Foto: Christian Ohde, via www.imago-images.de/imago images/Christian Ohde)

Dreckige Luft kann krank machen: Gemessen an neuen Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation sind die Konzentrationen von Ozon, Stickoxiden und Feinstaub in Deutschland deutlich zu hoch.

Von Werner Bartens

Die Luft muss sauberer werden. Dazu sollen Belastungen mit Feinstaub und Stickstoffdioxid massiv gesenkt werden. Dies sehen die neuen Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Luftqualität vor. So liegt der Wert für die NO₂-Belastung künftig nicht mehr bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, wie es die rechtlich bindenden Grenzwerte für die EU vorschreiben, sondern nur noch bei 10 Mikrogramm. Die WHO spricht Empfehlungen für die sechs wichtigsten Luftschadstoffe aus: Feinstaub der Partikelgrößen PM 2.5 und PM 10, Stickstoffdioxid, Ozon, Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid. Die WHO-Empfehlung für Feinstaub PM 2.5 liegt nun bei fünf statt zehn Mikrogramm, der EU-Grenzwert lässt 25 Mikrogramm zu. Die Empfehlung für Feinstaub PM 10 liegt bei 15 statt bisher 20 Mikrogramm. Der EU-Grenzwert beträgt 40 Mikrogramm.

Hartmut Herrmann vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig bewertet die WHO-Leitlinien als "lange erwarteten und überraschend großen Schritt in die richtige Richtung". Modellierungen würden eine erhebliche Exzess-Mortalität und Morbidität in Europa und weltweit zeigen, die auf Komponenten der Luftverschmutzung zurückzuführen sei. "Die Reinhaltung der Luft ist weiterhin eine wichtige Mission für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesetzgeber."

"Es gibt keine unschädlichen Schwellenwerte."

15 Jahre nach den letzten Leitlinien betont die WHO den Zusammenhang zwischen Luftqualität und Gesundheit. So ist inzwischen eindeutig belegt, dass sich negative Folgen der Luftverschmutzung bei noch niedrigeren Konzentrationen zeigen als bisher angenommen. "Es gibt keine unschädlichen Schwellenwerte", sagt Nino Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut. Jede Verbesserung der Luftqualität lohne. "Geringe Konzentrationen von Luftschadstoffen, weit unter bisherigen Richtwerten, können bereits schwerwiegende Gesundheitseffekte auslösen", sagt Umweltepidemiologin Barbara Hoffmann von der Uni Düsseldorf. "Auch ein bisschen Luftverschmutzung ist schlecht für den Körper, wenn sie jeden Tag, Jahr für Jahr eingeatmet wird. Die Luftverschmutzung zu verringern, lohnt sich zudem auch finanziell, denn Krankheitskosten durch Luftverschmutzung sind höher als Kosten für Luftreinhaltung."

Luftverschmutzung ist eine der größten Gefahren für die Gesundheit. Die Europäische Umweltagentur schätzt, dass allein in Europa 417 000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr darauf zurückzuführen sind. Acht Prozent der städtischen Bevölkerung in Europa sind Belastungen mit Feinstaub PM 2.5 ausgesetzt, die die Grenzwerte der EU überschreiten. Würden bisherige WHO-Richtwerte als Maßstab gelten, wären es sogar 77 Prozent. Die WHO betont, dass 80 Prozent der auf diesen Schadstoff zurückzuführenden Todesfälle vermieden werden könnten, würden ihre Richtwerte für Feinstaub PM2.5 eingehalten.

Bisher hat die Politik wenig auf die Wissenschaft gehört

"Derzeit liegen wir in Deutschland nur in Bezug auf Kohlenmonoxid unter den neuen WHO-Richtwerten, bei Ozon, NO₂ und Feinstaub PM2.5 liegen wir weit darüber", sagt Marcel Langner vom Umweltbundesamt. Die WHO-Empfehlungen sind allerdings nicht bindend. Grenzwerte werden vom Gesetzgeber festgelegt, für Deutschland gelten EU-Normen. Bisher hat die Politik wenig auf die Wissenschaft gehört. "Insbesondere im Bereich des Feinstaubs, der kleiner als 2,5 Mikrometer ist, gibt es Handlungsbedarf", sagt Annette Peters vom Helmholtz Zentrum München. "Die EU-Grenzwerte sind viel zu hoch und schützen die Gesundheit nicht. Das betonen wir seit Jahren." Brisant könnten die Leitlinien durch Beschluss des EU-Parlaments vom März werden. Darin ist gefordert, die EU-Luftqualitätsnormen zu aktualisieren, sobald die WHO-Leitlinien veröffentlicht sind und die Grenzwerte daran zu orientieren. Der Zeitplan sieht dies für das dritte Quartal 2022 vor.

"Die Folgen der Luftverschmutzung wurden lange unterschätzt", sagt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Uni Wien. "In den meisten EU-Staaten sind erhebliche Anstrengungen notwendig. Es ist ein trauriges Faktum, dass selbst die alten WHO-Richtwerte in vielen Ländern nicht annähernd erreicht wurden. Auf allen Ebenen muss es einschneidende Maßnahmen geben: Straßenverkehr, Kohlekraftwerke, Hausbrand. Viele haben den Vorteil, dass sie nicht nur die Krankheitslast senken, sondern zugleich dem Klimaschutz dienen." Die üblichen Lobbyisten hätten aber schon in der Vergangenheit viel getan, um etwa die Einführung von Dieselfiltern oder Tempolimits zu verzögern und gesundheitliche Effekte herunterzuspielen, etwa die Toxizität von Dieselabgasen und NO2. "Bei den Vorgaben der EU handelt es sich um politische Entscheidungen, wie viele zusätzliche Todes- und Krankheitsfälle man als Gesetzgeber toleriert - vor allem aus ökonomischen Gründen", so Hutter.

"Dass die EU-Grenzwerte für Feinstaub viel zu hoch liegen, ist das Resultat von Lobbyisten, welche Interessen der Industrie über jene der Bevölkerung gesetzt haben", sagt Nino Künzli. "Unvergesslich deutsche Lobbyisten, die vor 20 Jahren die WHO-Richtwerte 'erfolgreich' bekämpften. Ein Argument war, dass man keine Grenzwerte einführen solle, die man nicht erreichen kann - eine absurde Verdrehung die Fortschritt in der EU verhindert hat." Luftreinhaltung ist möglich - und eine Frage des politischen Willens.

© SZ
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