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Covid-19:Die Stärken und Schwächen des deutschen Gesundheitssystems

Coronavirus - Arztpraxis

Die Pandemie hat sowohl Stärken als auch Schwächen des Gesundheitssystems offengelegt.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Forscher der Leopoldina ziehen Bilanz über das Gesundheitswesen in der Coronakrise und regen eine Neurorientierung an.

In der besten aller Welten wäre das Gesundheitssystem so, wie es die Leopoldina gerade skizziert hat. Die Nationale Akademie der Wissenschaften widmet ihre vierte Stellungnahme zur Pandemie der medizinischen Versorgung und patientennahen Forschung "in einem adaptiven Gesundheitssystem" - also dem, was während einer anhaltenden Pandemie wichtig wäre.

Nötig wäre demnach "ein patientenorientiertes, qualitätsgesichertes und nicht primär gewinnorientiertes System, das alle Mitarbeitenden wertschätzt, Innovationen und digitale Lösungen integriert und insgesamt durch eine enge Vernetzung mit der Grundlagen- und translationalen Forschung über eine hohe Resilienz verfügt". Das klingt gut, sagt aber konkret wenig aus. Dass sowohl Pflegekräfte als auch Ärzte zu wenig Anerkennung bekommen, ökonomische Fehlanreize oft eine bessere Medizin verhindern und die Dokumentation der Krankenakten wie auch die Erfassung von Patientendaten für klinische Studien in Deutschland mangelhaft sind, war auch "vor Corona" bekannt.

Die Pandemie hat eine Reihe von Stärken und Schwächen des Gesundheitssystems aufgezeigt

Relevantere Forschung, die eng verzahnt klinische Fragestellungen wie auch Erkenntnisse aus der Grundlagenarbeit berücksichtigt, wird ebenfalls seit Jahren gefordert. An dem achtseitigen Papier der Leopoldina waren hauptsächlich klinisch tätige Mediziner und Grundlagenforscher wie Mikrobiologen und Virologen - darunter auch Christian Drosten - beteiligt, die wissen, wo Deutschland am Krankenbett wie im Labor Nachholbedarf hat.

Weil das Augenmerk in den vergangenen Wochen auf die potenziell hohe Zahl schwerstkranker Covid-19-Patienten gelegt wurde, gelte es nun, das Vertrauen in eine gute und sichere Behandlung zu stärken - "und zwar unter den Bedingungen einer auf unabsehbare Zeit bestehenden Pandemie-Situation" , wie die Leopoldina-Wissenschaftler betonen. Hiermit sind besonders kardiologische und onkologische Patienten gemeint, aber auch Gruppen, die erhöhten Betreuungsbedarf haben wie Kinder, ältere Menschen, chronisch Kranke, psychisch Kranke, Behinderte und Sterbende, deren psychosoziale Bedürfnisse womöglich in den vergangenen drei Monaten zu kurz gekommen sind.

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Für die Versorgung heißt das, den Normalbetrieb in Kliniken für akut wie chronisch Kranke wieder aufzunehmen, dabei aber auf den Infektionsschutz von Patienten wie Personal zu achten. Die Versorgung von Patienten mit Covid-19 soll durch "regional, national und europaweit abgestufte Netzwerke" erfolgen, sodass die Kapazitäten auch während einer möglichen zweiten Welle ausreichen. Genügend Schutzausrüstung und weiterer medizinischer Bedarf müssten "gegebenenfalls über eine zentrale Reserve" ebenso gewährleistet sein wie die zentrale digitale Erfassung aller Behandlungsplätze, was keineswegs nur auf die Intensivmedizin begrenzt sei.

Neben viel Richtigem und Bekanntem enthält das Papier der Leopoldina auch einen vehementen Appell, die Ausrichtung des Gesundheitswesens grundsätzlich zu ändern. Die Pandemie habe "eine Reihe von Stärken und Schwächen des deutschen Gesundheitssystems offengelegt". Die gegenwärtige Krise "zeigt deutlich, dass in einem Gesundheitssystem, das ein integraler Bestandteil der Daseinsvorsorge ist, grundsätzlich nicht die gleichen wirtschaftlichen Maßstäbe angelegt werden können wie in der freien, wettbewerbsorientierten Wirtschaft".

© SZ vom 28.05.2020
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