Medizin Tübingen bekommt umstrittenen Lehrstuhl für alternative Heilverfahren

Gefährliche Esoterik oder ernsthafte alternative Heilverfahren: Komplementärmedizin ist umstritten.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)
  • Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat im Koalitionsvertrag beschlossen, eine Professur für Komplementärmedizin einzurichten.
  • Dabei ist oft gezeigt worden, wie wirkungslos ihre Verfahren sind.
  • Patienten mit heilbaren Krankheiten können wichtige Behandlungen versäumen, wenn sie auf komplementäre Verfahren setzen.
Von Werner Bartens

Was Norbert Schmacke auf die Palme bringt, ist das falsche Spiel mit der Hoffnung. Werden Schwerkranken unhaltbare Versprechungen gemacht, reagiert der Bremer Gesundheitswissenschaftler unwirsch. "Ich kenne kein alternatives Heilverfahren, das den Verlauf einer Krebserkrankung positiv beeinflusst, auch wenn dies die Vertreter von Homöopathie & Co. gebetsmühlenartig behaupten", empört sich der Arzt. "Dass alternative Heiler schaden, indem sie zum Teil von wirksamen Therapien abraten, ist bitter bis kriminell."

Die fragwürdigen Heiler bekommen nun eine prominente Bühne, akademisch geadelt. Die grün-schwarze Landesregierung von Baden-Württemberg hat im Koalitionsvertrag die Einrichtung einer entsprechenden Professur beschlossen. An der Universität Tübingen sollen künftig alternative Heilmethoden, Komplementärmedizin, Integrative Medizin und Naturheilverfahren beforscht und auf ihre Wirksamkeit und Sicherheit geprüft werden. Die Robert-Bosch-Stiftung beteiligt sich an der Finanzierung.

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Norbert Schmacke, der in seinem Buch "Der Glaube an die Globuli" die Argumentation der Homöopathie-Anhänger entlarvt, findet deutliche Worte. "Dass jetzt auch die Universität Tübingen glaubt, zu Standardverfahren der Alternativmedizin forschen zu müssen, nachdem dieses Kapitel wirklich abgeschlossen ist, spricht leider dafür, dass auch die akademische Welt auf die Rutschbahn der Esoterik gelangt ist", so der Mediziner. "Man darf gespannt sein, wann der medizinische Fakultätentag und die Fachgesellschaften endlich aufwachen."

Unter den Uni-Medizinern in Tübingen war die Skepsis zunächst ebenfalls groß. "Die Einrichtung der Professur ist in unserer Fakultät kontrovers diskutiert worden", sagt Medizin-Dekan Ingo Autenrieth. "Bei vielen Kollegen - bei mir auch - löste das Thema Sorgen aus." Inzwischen hat sich die Perspektive offenbar verschoben. "Falls sich einzelne Verfahren als wirksam, sicher und vielleicht sogar überlegen erweisen, kann dies das Spektrum der wissenschaftlich fundierten Therapien erweitern", sagt Autenrieth. "Dann wären die Verfahren keine 'alternativen' Heilmethoden mehr, sondern eben Teil des Kanons der',klassischen' Medizin."

"Wir können auf diese Weise dazu beitragen, Unsinniges auszusortieren."

Im Moment finde sich aber noch viel "Unsinniges" unter dem Begriff Komplementärmedizin, zudem dürfe das Vertrauen der Patienten nicht aus Profitsucht oder ideologischer Überzeugung ausgenutzt werden. Die Professur müsse daher darlegen, "wie es derzeit mit der Evidenz aussieht". Da inzwischen klarer sei, was erforscht werden soll, und da Stiftung und Land die Finanzierung übernehmen, ist die neue Professur beschlossen worden. Zudem sollen sich Studierende kritisch mit Komplementärmedizin auseinandersetzen.

"Eine kompetent begleitete Reflexion über die ganze Bandbreite des Themas gehört dazu, weil Patienten ja danach fragen und eine fundierte Antwort wünschen", sagt Autenrieth. Im Gegenzug erwartet der Tübinger Dekan allerdings, dass öffentlichkeitswirksam vermittelt wird, wenn Verfahren unwirksam sind. "Wir können auf diese Weise dazu beitragen, Unsinniges auszusortieren und Klarheit zu schaffen", sagt Autenrieth. In der Bevölkerung sind homöopathische und naturheilkundliche Ansätze schließlich populär, 40 bis 80 Prozent der Krebspatienten nutzen "komplementäre" Methoden.

In der Fachwelt konnten Wissenschaftler allerdings bisher nicht seriös belegen, dass die oft pauschal als "sanft" titulierten Behandlungen in ihrer Wirkung über den Placeboeffekt hinausgehen. Und die verbreitete Haltung, "schaden kann es aber auch nicht", hat sich insofern als gefährlich erwiesen, da oft wirksame Therapien unterlassen werden, wenn die Skepsis gegenüber der herkömmlichen Medizin ausgeprägt und der Vertrauensvorschuss in alternative Verfahren groß ist.