Globale Gesundheit Die Genesung der Welt erlahmt

Hier in Douma stand einst ein Krankenhaus. Bewaffnete Konflikte bedrohen die Gesundheit der Menschen auf vielfältige Weise.

(Foto: dpa)
  • Die Fortschritte in der globalen Gesundheit verlangsamen sich oder stagnieren, warnen Forscher in der "Global Burden of Disease"-Studie, dem weltweit größten Gesundheitsreport.
  • Gründe sind in erster Linie der moderne Lebensstil und ein weltweiter Mangel an Ärzten und Pflegekräften.
  • Die Hälfte aller Todesfälle geht auf nur vier Risikofaktoren zurück.
Von Berit Uhlmann

Geht die Zeit des Fortschritts zu Ende? Mehr als zehn Jahre lang meldeten die Wissenschaftler, die regelmäßig den Gesundheitszustand der Welt katalogisieren, Verbesserungen. Die Welt schien immer gesünder zu werden, legten die vergangenen Ausgaben der "Global Burden of Disease"- Studie nahe. Die aktuelle Auflage der weltweit größten Gesundheitststudie aber zeichnet ein anderes Bild. "Verstörend" seien die Ergebnisse, heißt es in einem Kommentar, den das Fachblatt Lancet der Veröffentlichung voranstellt hat. Denn die Fortschritte verlangsamten sich, stagnierten oder nähmen teilweise sogar ab.

Zwar steigt die Lebenserwartung der Menschen im globalen Mittel noch immer: Sie liegt derzeit bei 75,6 Jahren für Mädchen und 70,5 Jahren für Jungen. Doch der Anstieg fällt schwächer aus; einigen Ländern gelingen kaum Erfolge. Männer in Russland beispielsweise haben in den vergangenen fast 70 Jahren nur knapp sechs Lebensjahre hinzugewonnen. Ein heute geborener russischer Junge kann damit rechnen, 67 Jahre alt zu werden. Dieser Wert entspricht dem Äthopiens. Deutsche Jungen haben elf Jahre mehr vor sich, Mädchen in der Bundesrepublik können auf 83 Lebensjahre hoffen.

"Was die Gesundheit betrifft, hat die Welt eine Reihe von Erfolgsgeschichten erlebt", sagt Autor Christopher Murray. Investitionen in die Mütter- und Kindgesundheit, in die Versorgung mit sauberem Wasser und bessere Hygiene haben die Situation für viele Menschen erheblich verbessert. Dagegen befeuere die Kombination aus modernem Lebensstil und der alternden Bevölkerung weiterhin "problematische Entwickungen" bei den Zivilisationskrankheiten.

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So geht mehr als die Hälfte der weltweit 56 Millionen Todesfälle im Jahr 2017 auf nur vier Faktoren zurück: hoher Blutdruck, Rauchen, hohe Blutzuckerwerte und Übergewicht. Alle vier Faktoren gewannen im Vergleich zu 1990 an Bedeutung. Vor allem das Übergewicht nimmt weltweit dramatisch zu - mittlerweile in fast jedem Land. Doch das Problem hat in der Gesundheitspolitik vieler Länder längst nicht den Stellenwert, der ihm zukommen müsste.

Insgesamt verursachen Zivilisationskrankheiten heute drei Viertel aller Todesfälle weltweit. Allein mehr als eine Million Menschen sterben jährlich an Altersdiabetes. Zugleich belasten diese Krankheiten auch die Gesundheitssysteme der Länder.

Vor diesem Hintergrund sind auch die Zahlen zum weltweiten Ärzte- und Pflegermangel besorgniserregend, die die Forscher in diesem Jahr erstmals zusammengetragen haben. Fast die Hälfte aller Länder haben viel zu wenige Fachkräfte für die Kranken. Dort stehen weniger als zehn Ärzte und weniger als 30 Pflegekräfte pro 10 000 Einwohnern zur Verfügung. Als Mindeststandard betrachteten die Forscher, angelehnt an Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO, mindestens 30 Ärzte und 100 Krankenschwestern pro 10 000 Einwohner. Deutschland, in dem das Thema auch regelmäßig diskutiert wird, gehört noch zu den 15 Ländern mit der besten Personalausstattung.

Zugleich warnen die Gesundheitswissenschaftler vor neuen Risiken. 130 000 Menschen sind im vergangenen Jahr durch bewaffnete Konflikte und Terrorismus gestorben. Das sind doppelt so viele wie noch zehn Jahre zuvor - ein besonders großer Anstieg.

Die "Global Burden of Disease"-Studie ist die größte Bestandsaufnahme der weltweiten Gesundheit. Mehr als 3500 Wissenschaftler tragen mittlerweile jährlich die Todesursachen, Krankeiten und Gesundheitsrisiken aus 195 Ländern zusammen.

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