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Laktose und Gluten:Oft unnötig, teuer und weniger schmackhaft

Die DGE-Ernährungswissenschaftlerin Restemeyer kann diesen Trend nicht verstehen: "Gluten- und laktosefreie Lebensmittel sind ja auch noch teurer und oft nicht so schmackhaft wie normale Produkte." Wer glaube, laktoseintolerant zu sein, könne dies leicht untersuchen: Ein einfacher Atemtest, den die Krankenkasse bezahlt, offenbart, wenn es nach dem Verzehr von Milch im Darm gärt.

Beim Thema Gluten sind die Dinge komplizierter. Nicht nur weil die Diagnose aufwendig ist: Hier muss der Arzt einen Bluttest und eine Dünndarmbiopsie veranlassen. Zudem war bislang lediglich das Erscheinungsbild der Zöliakie als Glutenunverträglichkeit bekannt. Bei dieser Stoffwechselkrankheit wird die Darminnenwand durch Entzündungsprozesse angegriffen.

Zöliakie-Patienten werden schwer krank, wenn sie Gluten zu sich nehmen; sie leiden unter chronischem Durchfall, Bauchschmerzen, Nährstoffmangel und verlieren oft Gewicht. Ein Leben lang müssen sie Weizen & Co. meiden, weil sie sonst Osteoporose oder Darmkrebs riskieren. Die Zöliakie kommt aber nur bei 0,3 Prozent der Deutschen vor, wie Studien des Forschungsverbundes Coeliac EU Cluster zeigen. Weltweit nehmen die Erkrankungszahlen allerdings anders als bei der Laktoseintoleranz zu. Weshalb, weiß niemand so genau.

Womöglich gibt es zudem noch eine Glutenempfindlichkeit, die nicht zur Zöliakie führt und von der weitaus mehr Menschen betroffen sein könnten. Alessio Fasano, Gastroenterologe an der University of Maryland, schätzt, dass sechs bis sieben Prozent der US-Amerikaner darunter leiden. Allerdings ist das Phänomen der Glutenempfindlichkeit in Fachkreisen alles andere als etabliert. Das Krankheitsbild lässt sich bisher nämlich nicht nachweisen.

Die Betroffenen klagen zwar über zumeist unspezifische Symptome nach dem Verzehr glutenhaltigen Getreides; zugleich aber schlägt die Zöliakie-Diagnose fehl. So kam es zu der umstrittenen Definition der Glutenempfindlichkeit. Wer daran zu leiden glaubt, bei dem bessern sich die Symptome meist, wenn er auf Weißbrot und andere glutenhaltige Lebensmittel verzichtet. Das könnte aber auch einfach ein Placeboeffekt sein, meint der Jenaer Gastroenterologe Stallmach: "Eine glutenfreie Diät ist eine einschneidende Maßnahme. Das trägt dazu bei, dass viele Menschen danach sagen: Es geht mir besser."

In jedem Fall komme die Glutenempfindlichkeit nicht so häufig vor, wie manche Ernährungsratgeber behaupten, betont auch Alessio Fasano: "Es gibt viele ,Experten' da draußen, die 30 bis 50 Prozent der US-Bürger eine Glutenempfindlichkeit andichten wollen." Damit haben sie offenbar Erfolg: Zunehmend verzehren auch Gesunde glutenfreie Lebensmittel und sehen sie sogar als Lifestyle-Produkte an.

In den USA essen 60 Millionen Menschen glutenfreie Produkte; aus gesundheitlichen Gründen müssten dies aber allenfalls 18 Millionen Menschen tun. Viele Promis schwören mittlerweile auf eine glutenfreie Diät, weil sie angeblich entgiftet und schlank macht. Fasano warnt jedoch: "Glutenfreie Produkte sind nicht per se gesünder, nur weil sie als Diätlebensmittel erdacht wurden. Sie enthalten oft viel Zucker und Fett."

Diese Ingredienzien mischen Industrieköche schon deshalb in die Produkte, weil Backwaren ohne Weizen nicht gut zusammenhalten - schließlich fehlt ihnen das "Klebereiweiß", wie Gluten auch genannt wird. Als Schlankmacher sind sie also auf keinen Fall geeignet.

Auch vor dem Kinderzimmer macht die Gluten- und Laktosephobie nicht halt. Junge Eltern hören immer wieder den Rat, dem Säugling im ersten Lebensjahr keinen Weizen- oder Haferbrei zu füttern und Kuhmilch gar nicht zu geben. Das schütze vor Allergien. Allerdings scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Die neuesten Empfehlungen der Bundesregierung und der medizinischen Fachgesellschaften zur Säuglingsernährung legen nahe, dem Baby bereits mit dem vierten, spätestens aber mit dem sechsten Lebensmonat glutenhaltige Lebensmittel zu geben, um sein Immunsystem daran zu gewöhnen. Auch gegen Kuhmilch im ersten Lebensjahr haben die Fachleute nichts einzuwenden.

"Nur auf einen Verdacht hin sollte man eine gluten- und laktosefreie Diät deshalb auch bei Kindern nicht einsetzen", betont Berthold Koletzko, Ernährungsexperte am Hauner'schen Kinderspital der Universität München. Laktose kann Säuglingen und Kleinkindern ohnehin nichts anhaben, denn ihre Laktase funktioniert selbst in Asien, wo Laktoseintoleranz weitverbreitet ist, einwandfrei: Schließlich sind auch in der Muttermilch große Mengen Milchzucker enthalten.

© SZ vom 18.11.2011/mcs
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