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Medizin:Kontaktlinsen bremsen kindliche Kurzsichtigkeit

Portrait 3 Jahre alt Mädchen im Gartenstuhl sitzen, Tschechien, Europa *** Portrait 3 years old girl sitting in garden c

Schon 40 Minuten täglich im Freien senken das Risiko für Kurzsichtigkeit - und helfen auch den Augen von Kindern, die bereits eine Brille tragen.

(Foto: imageBROKER/Jiri Hubatka via www.imago-images.de/imago images/imagebroker)

Die weichen Linsen mit Doppel-Fokus zeigen in Tests Wirkung. Auch Tropfen oder formstabile Kontaktlinsen können helfen. Aber warum nimmt das Problem so zu?

Von Astrid Viciano

Manchmal löst jeder Termin beim Augenarzt neue Ängste aus. Wenn das Kind zwölf Monate nach dem letzten Besuch klagt, dass es die Buchstaben an der Tafel nicht mehr lesen kann, muss der Mediziner schon wieder neue, stärkere Brillengläser verschreiben. "Je früher die Kurzsichtigkeit beginnt, desto ausgeprägter wird sie am Ende des Jugendalters sein," sagt Wolf Lagrèze, Leiter der Sektion Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie und Schielbehandlung am Uniklinikum Freiburg.

Waren im Jahr 2000 noch 23 Prozent der Bevölkerung weltweit kurzsichtig, sollen es bis 2050 schon 54 Prozent sein. Allein der Anteil der Menschen mit starker Kurzsichtigkeit soll von drei auf zehn Prozent steigen, mit einem erhöhten Risiko für eine Netzhautablösung, einen grauen oder grünen Star. Daher suchen Mediziner längst nach Möglichkeiten, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit zu bremsen. So berichtet nun ein Team um Jeffrey J. Walline vom College für Optometrie an der Ohio State University im Fachblatt JAMA von einer neuen Art weicher Kontaktlinsen, die im Test an fast 300 Kindern die Verschlechterung der Sehkraft verlangsamten.

Ähnlich einem Bullauge sorgte der mittlere Teil wie bei einer gewöhnlichen Kontaktlinse dafür, dass sich das ins Auge einfallende Licht direkt auf der Netzhaut bündelt, damit die Kinder in der Ferne gut sehen können. Der äußere Teil dagegen bewirkt, dass sich sogar die seitlich ins Auge einfallenden Lichtstrahlen vor der Netzhaut bündeln.

Normale Linsen können das Auge anregen, in die Länge zu wachsen

Warum das wichtig ist? Bei einer normalen Kontaktlinse fokussieren die seitlich einfallenden Lichtstrahlen hinter der Netzhaut. Das wiederum regt das Auge an, in die Länge zu wachsen - was zur stärkeren Kurzsichtigkeit führt. Schon eine Verlängerung des Augapfels um einen Millimeter entspricht etwa 2,7 Dioptrien. Mit den speziellen Kontaktlinsen sollten die Augen der Kinder also keinen Anreiz bekommen, in die Länge zu wachsen.

Tatsächlich verschlechterten sich die Augen dieser Probanden in einem Zeitraum von drei Jahren nur um 0,6 Dioptrien, bei anderen mit den normalen Kontaktlinsen dagegen um 1,05 Dioptrien. "Wir haben das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit damit um 43 Prozent verlangsamt", sagt Walline. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf, gelegentlich kam es in allen Gruppen der Studie zu Entzündungen der Horn- oder Bindehaut oder allergischen Reaktionen.

Dennoch sind nicht alle Experten vollends von den Studienergebnissen überzeugt. "Selbst die Sicht der Kinder mit normalen Kontaktlinsen verschlechterte sich im Zeitraum von drei Jahren nur um rund eine Dioptrie", sagt etwa Neil Bressler, Professor für Augenheilkunde an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Ob weiche Kontaktlinsen auch jenen Kindern helfen, deren Sehkraft sich schnell verschlechtert, sei bislang wissenschaftlich kaum belegt.

Aus welchem Grund die Kurzsichtigkeit sich so rasend schnell ausbreitet, beginnen die Wissenschaftler erst allmählich zu verstehen. Bis Ende der 1970er-Jahre tippten die Augenärzte vor allem auf genetische Ursachen. Waren beide Eltern kurzsichtig, würde wahrscheinlich auch der Nachwuchs eine Brille tragen. Doch hat die Kurzsichtigkeit in einigen Ländern innerhalb weniger Generationen so stark zugenommen, dass die Gene allein nicht der Grund sein können.

Vor allem ein kurzer Leseabstand und lange Lesephasen sollen die Augenerkrankung fördern, legen Studien nahe. Verschlingen Kinder mehr als zwei Bücher pro Woche, steigt ihr Myopie-Risiko deutlich. "Mein persönliches Gefühl ist, dass wir die eigentliche Ursache noch nicht gefunden haben", sagt der Biophysiker Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde der Universität Tübingen und dem Institut für molekulare und klinische Ophthalmologie in Basel. Denn keiner Methode gelang es bisher, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit wirklich zu stoppen.

Manche Mediziner arbeiten mit harten Kontaktlinsen oder mit Atropin

So bieten manche Augenärzte den betroffenen Kindern formstabile Kontaktlinsen an, die nachts im Schlaf den zentralen Teil der Hornhaut abflachen. Aus noch nicht geklärten Gründen verlangsamt sich so das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit. "Die Effektgrößen sind ähnlich wie bei den neuen, weichen Kontaktlinsen", sagt Schaeffel. Doch haben diese Linsen noch einen angenehmen Nebeneffekt: Die mechanische Verformung der Hornhaut bewirkt, dass die Kinder am nächsten Tag keine Brille tragen müssen. Allerdings ist dabei eine gute Hygiene wichtig, damit keine Infektionen der Hornhaut entstehen.

Andere Mediziner verwenden dagegen Atropin, um den Verlauf der Kurzsichtigkeit auszubremsen - ein Gift aus der Tollkirsche, mit dem Mediziner früher zum Beispiel vor Augenuntersuchungen die Pupillen ihrer Patienten weitstellten. In einer deutschen Studie hatte die Kurzsichtigkeit der Kinder vor Beginn der Studie um jährlich 1,05 Dioptrien zugenommen, nach zwölf Monaten Therapie dagegen nur um 0,4. Als einzige Nebenwirkung beobachteten die Mediziner eine leicht erweiterte Pupille. Allerdings sprechen, je nach Studie, zehn bis 20 Prozent der Kinder nicht auf die Therapie an. "Warum das so ist, wissen wir nicht", sagt Schaeffel. Noch ist die Therapie in Deutschland nicht zugelassen, die Kosten von 150 bis 500 Euro pro Jahr müssen die Eltern selbst aufbringen.

Inzwischen bieten Augenärzte manchen Kindern auch eine Kombination aus Atropintherapie und Kontaktlinsen an, um den Effekt der Behandlungen zu verstärken. Vor allem aber sollten Eltern mit ihren Kindern viel Zeit draußen verbringen, damit eine Kurzsichtigkeit gar nicht erst entsteht. Denn nur 40 Minuten im Freien pro Tag können das Risiko um fast ein Viertel reduzieren.

© SZ/weis
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