Kulturpessimismus beim Essen:Würzlose Grützen, verdorbenes Fleisch

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Die Landbevölkerung ernährte sich in Europa einst vor allem von Getreidebrei, von kaum gewürzten Grützen. Klar, Gemüse und Obst waren regional und saisonal. Aber nur, weil diese Lebensmittel lediglich am Ort der Ernte gegessen werden konnten. Die Menschen litten unter ständigen Lagerproblemen, Frisches war die Ausnahme. Stattdessen aßen sie selbst verdorbene Speisen, weil Nahrungsmittel keine Frage von Genuss oder Gesundheit waren, sondern eine von Leben oder Tod.

Lebensmittelsicherheit? Ja, synthetische Pestizide musste niemand fürchten. Dafür starben Tausende Menschen an Mykotoxinen, dem Gift von Schimmelpilzen. Das Mutterkorn auf Getreide etwa löste das berüchtigte Antoniusfeuer aus, eine oft tödliche Vergiftung.

Die Qualität des Wassers war miserabel, überall lauerten Keime. Fleisch oder Fisch waren oft verdorben, weil es so etwas wie eine geschlossene Kühlkette nicht gab. Lebensmittel ließen sich leicht mit minderwertigen Zusätzen verpanschen oder verdorbene Ware als frisch verkaufen. Gegen die Situation vor einigen 100 Jahren herrschen heute paradiesische Zustände extremer Sicherheit.

Wer noch weiter zurückblickt, findet dort kein schöneres Bild. Kalorienmangel sei in prähistorischer Zeit die Regel gewesen, berichtet etwa der Harvard-Anthropologe Richard Wrangham. Knochenfunde zeigen, dass lange Hungerphasen fester Bestandteil des menschlichen Daseins waren. Erst mit Erfindung des Ackerbaus verringerten sich die Perioden des Mangels. Zugleich nahm die Qualitätssteigerung Schwung auf.

Durch Zucht und Selektion sorgten die Menschen dafür, dass Nahrungspflanzen nicht nur wachsende Erträge abwarfen, sondern auch bekömmlicher wurden - bis heute. Obst oder Gemüse aus dem Supermarkt, so argumentiert Wrangham, enthalte weniger unverdauliche Fasern und mehr Nährstoffe als die wilden Vorfahren der Früchte. In diesen Lebensmitteln stecken auch weniger natürliche toxische Stoffe als einst.

Trotz all dem sehnen viele Konsumenten eine verlorene Zeit herbei, die es so niemals gegeben hat. Während wir satt auf dem Sofa sitzen, haben die Pessimisten Konjunktur: drastische Warnungen, garniert mit Versprechungen für ein besseres Leben, garantieren Aufmerksamkeit.

Die einen ernennen Weizen zum puren Gift, die anderen Zucker; und rund um Milch tobt ein ebenso erstaunlicher wie erbitterter Kulturkampf. Und alle argumentieren sie auf die gleiche Weise: Diese Lebensmittel entsprächen nicht den natürlichen Bedürfnissen des Menschen, seien künstlich hergestellt und machten krank. So klingen die Ängste satter Menschen.

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