Kulturpessimismus beim Essen:Immer weninger Menschen hungern

Das moderne Schlaraffenland ist selbstverständlich kein Ort sorgloser und ewiger Schlemmerei. Die Landwirtschaft plagen zahlreiche Probleme, die Lebensmittelindustrie leistet sich zahlreiche Sauereien. Allerdings verstellen diese negativen Nachrichten den Blick auf die vollen Teller.

Das lässt sich anhand einer aktuellen Studie illustrieren, die gerade in der Fachzeitschrift PNAS (online) erschienen ist. Agrarwissenschaftler um Colin Khoury analysieren darin, wie sich Ernährung in den vergangenen 50 Jahren verändert hat. In einem globalen Maßstab hat sich die Vielfalt demnach verringert. Die Menschen essen weniger Hirse, Roggen, Süßkartoffeln oder Maniok; stattdessen haben Weizen, Reis, Mais, Soja, Geflügel und Milchprodukte an Bedeutung zugenommen.

Die Forscher fürchten Konsequenzen. Durch wachsende Abhängigkeit von wenigen Nahrungsmitteln steige die Verwundbarkeit der Landwirtschaft. Ein mächtiger neuer Schädling könnte etwa enorme Hungerkrisen auslösen, wenn die Vielfalt auf den Äckern sinkt.

Und die Tatsache, dass die Welt westliche Ernährungsgewohnheiten übernimmt, könnte die Anzahl stark übergewichtiger Menschen steigern und die Prävalenz sogenannter Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden erhöhen, argumentieren die Agrarwissenschaftler. In der Tat, das könnte sein, diese Gefahren sind real.

Die guten Nachrichten jedoch gehen dahinter fast unter. Khoury erwähnt auch, dass immer mehr Menschen steigende Mengen von Kalorien, Proteinen und Fetten zur Verfügung haben. In den Industriestaaten essen die Menschen pro Kopf und Tag laut der Welternährungsorganisation FAO heute etwa 3400 Kilokalorien (kcal). Sogar in den ärmsten Staaten sind es etwas mehr als 2100 kcal - den täglichen Mindestbedarf gibt die FAO mit 1800 kcal an. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich noch immer Leid. Doch der Hunger geht weltweit zurück, die Teller von immer mehr Menschen füllen sich. Aktuell leidet etwa jeder siebte Mensch unter Nahrungsmangel, vor gut 20 Jahren war es noch jeder fünfte.

"In Europa werden wir als Gesellschaft auch erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts satt", sagt Gunther Hirschfelder. Hunger kennen die meisten deshalb höchstens aus Geschichten der Großeltern aus der Zeit nach dem Krieg. Mangel herrscht nun, wenn der frische Koriander oder die Kräutersaitlinge am späten Samstagnachmittag im Supermarkt aus sind. "Wir verfügen heute über zu viele Lebensmittel, ärgern uns darüber und verklären die Vergangenheit", sagt Hirschfelder. "Dabei sind alle Küchen der Vergangenheit den heutigen unterlegen."

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