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Künstliche Befruchtung:Weniger verpflanzte Eizellen, weniger Risiken

Die Gesundheitsrisiken für Kinder, die durch eine künstliche Befruchtung entstanden sind, sinken. Der Hauptgrund: Ärzte verzichten immer häufiger darauf, mehrere Embryonen in die Gebärmutter zu pflanzen.

Von Berit Uhlmannn

Witwe will Kind von totem Ehemann

Die Ursachen für gesunkene Komplikationsraten bei künstlicher Befruchtung vermuten Forscher auch in besseren Techniken und mehr Erfahrung.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Fünf Millionen Menschen weltweit verdanken ihr Leben einer geglückten Operation in der Petrischale. Trotz dieser beachtlichen Zahl fällt kinderlosen Paaren die Entscheidung für eine künstliche Befruchtung nicht leicht. Denn die In-vitro-Fertilisation ging bisher mit deutlich höheren Risiken für das Kind einher als eine Schwangerschaft, die auf natürlichem Weg zustande gekommen ist. Die bislang größte Untersuchung in diesem Bereich kann werdende Eltern nun etwas beruhigen (Human Reproduction, online). Viele Komplikationen nach künstlicher Befruchtung - dass das Kind zu früh geboren wird, zu klein ist, dass es tot zur Welt kommt oder das erste Jahr nicht überlebt - sind in den vergangenen 20 Jahren deutlich seltener geworden.

Skandinavische Forscher haben mehr als 92 000 Kinder untersucht, die zwischen 1988 und 2007 in Dänemark, Finnland, Norwegen oder Schweden künstlich gezeugt worden sind. Zwar sind die Komplikationen bei ihnen noch immer etwas häufiger als bei natürlich gezeugten Kindern, dennoch nahm der Anteil im Lauf der Jahre kontinuierlich ab. Bemerkenswert ist für die Forscher um Anna-Karina Aaris Henningsen vor allem der Rückgang der Frühgeburten: Acht Prozent der Frauen, die mit einem Kind schwanger waren, erlitten zum Ende des Untersuchungszeitraums eine Frühgeburt, 20 Jahre zuvor waren es noch 13 Prozent.

Immer öfter wird nur ein Embryo eingepflanzt. Das vermeidet eine heikle Mehrlingsschwangerschaft

Die Ursachen für gesunkene Komplikationsraten vermuten die Forscher in besseren Techniken und mehr Erfahrung, vor allem aber in einer Weiterentwicklung in der Reproduktionsmedizin: Frauen wird heute immer öfter nur ein Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt. Damit werden riskante Mehrlingsschwangerschaften vermieden. Komplikationen treten den Wissenschaftlern zufolge aber auch dann häufiger auf, wenn zwei Embryonen eingepflanzt werden, sich aber nur ein Kind entwickelt.

Die Forscher machen vor allem das Phänomen des "verschwundenen Zwillings" dafür verantwortlich. "Bei etwa zehn Prozent aller Zwillingsschwangerschaften stirbt einer der Embryonen ab, was die Risiken für Komplikationen beim überlebenden Zwilling erhöhen könnte", sagt Christian Thaler, Leiter des Kinderwunschzentrums an der Universität München. Eine mögliche Erklärung ist für ihn aber auch, dass Frauen, die mehr als einen Embryo transferiert bekommen, ohnehin häufiger zu den Risikopatientinnen gehören, beispielsweise älter sind oder eine höhere Zahl erfolgloser Behandlungszyklen hinter sich haben.

In Deutschland dürfen maximal drei Embryonen eingesetzt werden, eine Zahl, die zumindest in seriös arbeitenden Zentren selten ist, so Thaler: "Der Trend geht auch in Deutschland dahin, eher nur eine Eizelle einzusetzen." Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Möglichkeit, befruchtete Eizellen einzufrieren. Die Frauen haben damit mehrere Versuche, schwanger zu werden, ohne sich jedes Mal einer Hormonbehandlung und Eizellentnahme unterziehen zu müssen. "Die Chancen, schwanger zu werden, sind auf lange Sicht genauso hoch wie beim Verpflanzen von zwei oder drei Embryonen - aber das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft fällt weg", sagt Thaler. Vor allem bei jüngeren Frauen sollte dies daher die Methode der Wahl sein.

© SZ vom 21.01.2015

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