Süddeutsche Zeitung

Kritik am Pflegenotstand:"Solche Pflege ist Folter"

Lesezeit: 4 min

Wer im Alter gut gepflegt sein will, muss jetzt für andere Zustände eintreten: Claus Fussek und Gottlob Schober prangern in ihrem neuen Buch an, wie deutsche Altenheime mit ihren Insassen umgehen. Ihr Werk ist Streitschrift und Mahnung zugleich.

Von Nina von Hardenberg

Sprache ist der Schlüssel zur Verständigung. In vielen deutschen Pflegeheimen aber herrscht Sprachlosigkeit. "Das Schlimmste ist, dass kaum einer von denen Deutsch spricht", klagt eine Heimbewohnerin in Claus Fusseks und Gottlob Schobers neuem Buch. Egal, ob sie eine Bitte habe, über Schmerzen klage oder einfach nur reden wolle, man verstehe sie nicht. Die Antwort der Pflegerin sei stets "okay". Die Schwester kenne eben nur das Wort okay, so die Bewohnerin: "Aber nichts ist okay, und ich bin unendlich alleine."

Nichts ist okay - So hätte auch der Titel des ganzen Buchs lauten können, dieser Klageschrift, in der sich die beiden Autoren den Missständen in deutschen Pflegeheimen widmen. Es ist ein Thema, das den Fernsehjournalisten Schober und den Pflegekritiker Fussek seit Langem beschäftigt. 2008 haben die beiden in dem Bestseller "Im Netz der Pflegemafia" ausführlich die unwürdigen Zustände in der Pflege beschrieben.

Fünf Jahre später müssen sie nun feststellen, dass sich fast nichts geändert hat. Nach wie vor verpasst man bettlägerigen Menschen in Heimen Windeln, weil keiner Zeit hat, ihnen eine Bettpfanne zu bringen. Nach wie vor werden viele von ihnen mit Medikamenten ruhiggestellt und mit Gurten in den Betten festgebunden. Und immer noch sind Pfleger überlastet: "Habe entsetzt miterlebt, wie eine über Wochen überforderte, examinierte Pflegekraft einen Bewohner auf die Stirn schlug, weil dieser eingekotet war", heißt es etwa in dem Bericht einer Pflegerin. Und weiter: "Wenn Personalmangel (herrscht), dann bleiben Bewohner im Bett oder werden vor dem Abendessen ins Bett gebracht! Eine zugeklappte Stulle tut es dann auch!"

Fließbandarbeit am alten Menschen

Es ist genug!, sagen die Autoren nun und formulieren 20 Grund- und Menschenrechte für alte und pflegebedürftige Menschen, darunter das Recht auf ausreichend Essen und Trinken, das Recht auf eine angemessene Versorgung mit Medikamenten oder das Recht auf den Toilettengang. Wie aber kommt es zu solchen Situationen? Darüber schreiben die Autoren wenig. Einerseits beklagen sie zwar, dass es häufig zu wenig Personal gibt und dass die wenigen, "oftmals restlos überfordert" sind von einer Fließbandarbeit, die nur im Akkord bewältigt werden kann. Anderseits betonen sie, dass es trotzdem gute Heime gebe, die unter den gleichen Bedingungen gute Arbeit machten.

Es gibt sie also, die gute Pflege; es gibt gute Heime, in denen Schwestern und Pfleger als "Schutzengel" der Bewohner auftreten, wie es die Autoren formulieren. Die gute Pflege aber setzt sich nicht durch. Das liegt auch daran, dass gute Heime für Außenstehende nicht so leicht zu erkennen sind. 2008 hatten die Autoren in ihrem Buch daher mehr Transparenz gefordert. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen, der jedes Heim kontrolliert, solle seine Qualitätsberichte veröffentlichen, dann könnten sich die alten Menschen und ihre Angehörigen das beste Heim aussuchen.

Es war eine der wenigen Forderungen der Pflegekritiker, die tatsächlich erfüllt wurde. Seit 2009 muss sich jedes Heim und jeder Pflegedienst einmal im Jahr einer unangemeldeten Kontrolle stellen. Die Politik nannte das ambitionierte Vorhaben stolz den "Pflege-TÜV". Das Problem ist nur: Die Heimbetreiber waren an der Entwicklung der Prüfkriterien selbst beteiligt.

Herausgekommen ist ein sinnloser Test, der nur die Dokumentation der Pflege kontrolliert, nicht aber, wie es den Menschen wirklich geht. So habe ein Heim 2009 die Note "befriedigend" bekommen, obwohl die Kassen schon wegen der schlimmen Zustände dort die Schließung betrieben, heißt es in dem Buch. "Die Idee war ja eigentlich gut", schreiben die Autoren nun ernüchtert, um dann ihre einstige Idee zu begraben: Eine Gesamtnote für ein Heim sei Unsinn, schon weil das Personal in vielen Häusern so schnell wechsle, dass sich die Zustände zum Teil innerhalb von Monaten änderten.

"Schaut hin, geht in die Heime!"

Was aber bleibt, wenn Transparenz-Initiativen keinen Erfolg zeigen - sei es, weil sie zu schlecht gemacht sind; oder aber weil sich gute Pflege vielleicht tatsächlich nicht in Schulnoten abbilden lässt? Wer hilft den alten Leuten, wer sagt ihnen, wo sie gut und sicher aufgehoben sind? Die Autoren geben diese Frage an den Leser zurück, erinnern ihn daran, dass er selbst der alte Mensch von morgen ist. Wer im Alter gut gepflegt sein will, muss jetzt für andere Zustände einzutreten. Schaut hin, geht in den Heimen vorbei, macht euch selbst ein Bild, lautet die Aufforderung des Buches. Es ist eine verzweifelte Aufforderung, denn die Mahner mahnen schon zu lange - und bleiben dabei doch ungehört.

"Nichts ist okay - und ich bin unendlich allein." Der letzte Teil des Ausspruchs der zitierten alten Dame trifft auf die Gefühlswelt zumindest von Claus Fussek zu. Seit 30 Jahren ist er einer der engagiertesten Streiter für eine bessere Pflege. Sein Empfinden aber ist, dass das Interesse an dem Thema eher abgenommen hat, dass die Gesellschaft sich an das Elend gewöhnt hat. Fussek dagegen kann und will sich nicht gewöhnen. Täglich erreichen ihn Mails, Briefe und Anrufe von verzweifelten Angehörigen und Pflegekräften. Über die Jahre haben sich so 50.000 Zeugnisse der Klage gesammelt. Der Experte ist nun zudem selbst betroffen: Seine eigene Mutter ist pflegebedürftig.

Die Flut der Mails muss sich für Fussek wie ein Erdbeben anfühlen - allein, es ist eines, das um ihn herum niemand spürt. Diese Diskrepanz ist für Fussek zunehmend schwer zu ertragen. Der Ton dieses Buches ist deshalb rauer, ungeduldiger und damit polemischer geworden als in älteren Veröffentlichungen.

"Solche Pflege ist Folter", schreiben die Autoren gleich in der Einleitung. An vielen Stellen hätte man sich weitere Erklärungen gewünscht, etwa wenn sie die "Vertreter der Pflegebranche" pauschal angreifen, weil diese die wahre Situation "leugnen" und doch sehr gut daran verdienten, "dass alles so bleibt, wie es ist". Gern hätte man gewusst, welche Umsätze in der Branche tatsächlich gemacht werden. Fussek und Schober haben aber offenbar genug erklärt, jetzt wollen sie anklagen.

Das Buch ist eine Streitschrift: Ein dünnes grünes Heftchen, das aufrütteln und gegen die Verdrängung der Zustände angehen will; ein schmaler Band, der in den Kittel jeder Pflegerin passt, schnell durchgelesen und weitergegeben werden kann und soll - auf dass sich viele empören.

Der Kenner der Problematik wird wenig Neues in dem Buch finden, jemandem, der sich erstmals dem Thema widmet, wird möglicherweise zu wenig erklärt. Als Streitschrift hat "Es ist genug!" dennoch seine Berechtigung. Denn es stimmt. Ein reiches Land wie Deutschland behandelt seine alten Menschen unanständig. Und wer das beklagt, wird als Spielverderber hingestellt und ist - ähnlich wie die alte Dame in dem Pflegeheim - "unendlich allein".

Claus Fussek, Gottlob Schober: Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte. Knaur Taschenbuch Verlag 2013. 207 Seiten, 7 Euro.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1822016
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 19.11.2013
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.