Kritik am Pflegenotstand:"Schaut hin, geht in die Heime!"

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Was aber bleibt, wenn Transparenz-Initiativen keinen Erfolg zeigen - sei es, weil sie zu schlecht gemacht sind; oder aber weil sich gute Pflege vielleicht tatsächlich nicht in Schulnoten abbilden lässt? Wer hilft den alten Leuten, wer sagt ihnen, wo sie gut und sicher aufgehoben sind? Die Autoren geben diese Frage an den Leser zurück, erinnern ihn daran, dass er selbst der alte Mensch von morgen ist. Wer im Alter gut gepflegt sein will, muss jetzt für andere Zustände einzutreten. Schaut hin, geht in den Heimen vorbei, macht euch selbst ein Bild, lautet die Aufforderung des Buches. Es ist eine verzweifelte Aufforderung, denn die Mahner mahnen schon zu lange - und bleiben dabei doch ungehört.

"Nichts ist okay - und ich bin unendlich allein." Der letzte Teil des Ausspruchs der zitierten alten Dame trifft auf die Gefühlswelt zumindest von Claus Fussek zu. Seit 30 Jahren ist er einer der engagiertesten Streiter für eine bessere Pflege. Sein Empfinden aber ist, dass das Interesse an dem Thema eher abgenommen hat, dass die Gesellschaft sich an das Elend gewöhnt hat. Fussek dagegen kann und will sich nicht gewöhnen. Täglich erreichen ihn Mails, Briefe und Anrufe von verzweifelten Angehörigen und Pflegekräften. Über die Jahre haben sich so 50.000 Zeugnisse der Klage gesammelt. Der Experte ist nun zudem selbst betroffen: Seine eigene Mutter ist pflegebedürftig.

Die Flut der Mails muss sich für Fussek wie ein Erdbeben anfühlen - allein, es ist eines, das um ihn herum niemand spürt. Diese Diskrepanz ist für Fussek zunehmend schwer zu ertragen. Der Ton dieses Buches ist deshalb rauer, ungeduldiger und damit polemischer geworden als in älteren Veröffentlichungen.

"Solche Pflege ist Folter", schreiben die Autoren gleich in der Einleitung. An vielen Stellen hätte man sich weitere Erklärungen gewünscht, etwa wenn sie die "Vertreter der Pflegebranche" pauschal angreifen, weil diese die wahre Situation "leugnen" und doch sehr gut daran verdienten, "dass alles so bleibt, wie es ist". Gern hätte man gewusst, welche Umsätze in der Branche tatsächlich gemacht werden. Fussek und Schober haben aber offenbar genug erklärt, jetzt wollen sie anklagen.

Das Buch ist eine Streitschrift: Ein dünnes grünes Heftchen, das aufrütteln und gegen die Verdrängung der Zustände angehen will; ein schmaler Band, der in den Kittel jeder Pflegerin passt, schnell durchgelesen und weitergegeben werden kann und soll - auf dass sich viele empören.

Der Kenner der Problematik wird wenig Neues in dem Buch finden, jemandem, der sich erstmals dem Thema widmet, wird möglicherweise zu wenig erklärt. Als Streitschrift hat "Es ist genug!" dennoch seine Berechtigung. Denn es stimmt. Ein reiches Land wie Deutschland behandelt seine alten Menschen unanständig. Und wer das beklagt, wird als Spielverderber hingestellt und ist - ähnlich wie die alte Dame in dem Pflegeheim - "unendlich allein".

Claus Fussek, Gottlob Schober: Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte. Knaur Taschenbuch Verlag 2013. 207 Seiten, 7 Euro.

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