Kritik am Pflegenotstand:Fließbandarbeit am alten Menschen

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Es ist genug!, sagen die Autoren nun und formulieren 20 Grund- und Menschenrechte für alte und pflegebedürftige Menschen, darunter das Recht auf ausreichend Essen und Trinken, das Recht auf eine angemessene Versorgung mit Medikamenten oder das Recht auf den Toilettengang. Wie aber kommt es zu solchen Situationen? Darüber schreiben die Autoren wenig. Einerseits beklagen sie zwar, dass es häufig zu wenig Personal gibt und dass die wenigen, "oftmals restlos überfordert" sind von einer Fließbandarbeit, die nur im Akkord bewältigt werden kann. Anderseits betonen sie, dass es trotzdem gute Heime gebe, die unter den gleichen Bedingungen gute Arbeit machten.

Es gibt sie also, die gute Pflege; es gibt gute Heime, in denen Schwestern und Pfleger als "Schutzengel" der Bewohner auftreten, wie es die Autoren formulieren. Die gute Pflege aber setzt sich nicht durch. Das liegt auch daran, dass gute Heime für Außenstehende nicht so leicht zu erkennen sind. 2008 hatten die Autoren in ihrem Buch daher mehr Transparenz gefordert. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen, der jedes Heim kontrolliert, solle seine Qualitätsberichte veröffentlichen, dann könnten sich die alten Menschen und ihre Angehörigen das beste Heim aussuchen.

Es war eine der wenigen Forderungen der Pflegekritiker, die tatsächlich erfüllt wurde. Seit 2009 muss sich jedes Heim und jeder Pflegedienst einmal im Jahr einer unangemeldeten Kontrolle stellen. Die Politik nannte das ambitionierte Vorhaben stolz den "Pflege-TÜV". Das Problem ist nur: Die Heimbetreiber waren an der Entwicklung der Prüfkriterien selbst beteiligt.

Herausgekommen ist ein sinnloser Test, der nur die Dokumentation der Pflege kontrolliert, nicht aber, wie es den Menschen wirklich geht. So habe ein Heim 2009 die Note "befriedigend" bekommen, obwohl die Kassen schon wegen der schlimmen Zustände dort die Schließung betrieben, heißt es in dem Buch. "Die Idee war ja eigentlich gut", schreiben die Autoren nun ernüchtert, um dann ihre einstige Idee zu begraben: Eine Gesamtnote für ein Heim sei Unsinn, schon weil das Personal in vielen Häusern so schnell wechsle, dass sich die Zustände zum Teil innerhalb von Monaten änderten.

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