Krebsrisiko durch Wurst Ist Wurst das neue Rauchen?

Das Lebenszeitrisiko eines Erwachsenen, an Darmkrebs zu erkranken - nicht: zu sterben - beträgt sechs Prozent. 50 Gramm Salami, jeden Tag, ein Leben lang, erhöhen das Risiko einer Darmkrebserkrankung tatsächlich nur von sechs auf sieben Prozent. Zum Vergleich: Rauchen hebt das Lebenszeitrisiko für Lungenkrebs von ein auf 15 Prozent.

Wurst zu essen ist deshalb ganz bestimmt nicht das neue Rauchen. Aber der Stachel sitzt, denn die meisten Menschen essen auch heute noch Fleisch. Und wieder einmal sind sie auf sich gestellt und warten vergeblich auf Antworten. Ist ein Wienerle gefährlicher als ein Stück Schwarzgeräuchertes? Schinkenspeck schlimmer als Serranoschinken? Man weiß es schlicht nicht. Gibt es dann wenigstens eine Erklärung, was genau am Fleisch Tumore im Darm provoziert? Auch das leider nicht. Es gibt nur Hypothesen. Die einen machen den roten Blutfarbstoff verantwortlich. Andere halten sogenanntes Carnitin für schuldig. Und der Nobelpreisträger Harald zur Hausen verdächtigt Viren im rohen Rindfleisch und rät, Fleisch durchzugaren. Aber warum sollte dann gerade verarbeitetes Fleisch, das schon gegart ist, Krebs auslösen?

Es bleibt nebulös. Und damit unverantwortlich. Denn was die Politik in dieser Verwirrung nun mit dem Fleischfanal anstellt, bleibt ihr selbst überlassen. Kein Land muss handeln, wenn die IARC spricht. Die Verbraucher aber werden etwas erwarten, das wissen die deutschen Minister. Und die Fleischindustrie weiß es auch. Der Druck auf die Branche wächst, gerade mit Blick auf die vielen Skandale, die sich seit den Neunzigern angesammelt haben. Zuerst BSE, dann die Antibiotika, von denen weit mehr als eine Million Kilogramm pro Jahr an die Tiere verabreicht werden; weiter mit den resistenten Erregern, die dank der Medikamente auf dem Massenfleisch siedeln. Bis hin zu Fleischfälschungen, vergammelten Dönern und nicht zuletzt den erschreckenden Bildern aus Ställen, in denen der Begriff des Tierwohls gar nicht existiert. Kleine Warnhinweise, die auf einen moderaten Fleischverzehr dringen, werden hier nicht reichen.

Krebserregend oder nicht?

Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC unterteilt die Gefährlichkeit von Substanzen und physikalischen Einflüssen auf den Menschen in fünf Gruppen.

Gruppe 1: krebserregend. In diese Gruppe gehören unter anderem alkoholische Getränke, Tabak, Asbest, Röntgen- und UV-Strahlung. Sie umfasst mehr als 100 Einträge.

Gruppe 2A: wahrscheinlich krebserregend. Diese Kategorie umfasst 75 Substanzen. Hierzu zählen beispielsweise Acrylamid, das beim Braten entsteht, und der Unkrautvernichter Glyphosat.

Gruppe 2B: möglicherweise krebserregend. Unter dieser Überschrift listet die Agentur etwa 290 Stoffe auf, unter anderem Blei, das Lösungsmittel Chloroform und Kaffee.

Gruppe 3: nicht untersucht. Diese Gruppe ist die größte. Mehr als 500 Substanzen, beispielsweise viele Medikamente, sind aufgelistet.

Gruppe 4: nicht krebserregend. Sie umfasst bislang nur eine einzige Substanz: Caprolactam, ein Ausgangsstoff für die Herstellung des Polyamids Perlon.

Die vollständige Liste finden Sie hier.

(beu)

Die Veränderungen müssen tiefer greifen. Vielleicht hilft dabei die Erkenntnis, dass es sich mit Fleisch nicht anders verhält als mit anderen umstrittenen Lebensmitteln. Vieles, was in Massen produziert und in großen Mengen verzehrt wird, macht krank. Zucker, Fett, selbst Vitamine. Fleisch ist da keine Ausnahme. Aber wo Massen produziert werden, wird auch in Massen konsumiert. Hier müsste die Politik ansetzen, Anreize schaffen für mehr Qualität, Nachhaltigkeit, das richtige Maß. Eigentlich ist das eine Binsenweisheit. Nur verstanden ist sie nicht.