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Tumore:Wie oft wurde dem Krebs schon das Ende prophezeit? Demut wäre angebrachter als Kraftmeierei

Auf Basis dieser unterschiedlichen zellulären Grundlagen entwickelt sich jeder Krebs zudem anders im Körper. Der eine Krebsherd wächst, die Tumorzellen entdifferenzieren sich immer weiter, und bald bildet er Absiedlungen überall im Körper. Der andere Krebs stellt sein Wachstum ein, bleibt differenziert und lokal begrenzt. Die Ursachen für diesen eigenwilligen Verlauf haben Forscher längst noch nicht verstanden, und es gibt sie sogar bei Krebsformen vom gleichen Gewebetyp.

Aus diesem Grund kann auch kein Arzt seriöserweise sagen, wie lange ein Mensch mit Magen-, Darm- oder Brustkrebs noch leben wird. Der eine wird geheilt oder der Tumor zumindest so weit zurückgedrängt, dass der Tod erst mit 85 Jahren - und dann zumeist aus anderen Gründen - eintritt. Der andere lebt nach der Diagnose keine zwei Jahre und muss mit Ende 30 von dieser Welt abtreten.

Vor diesem Hintergrund ist es unsinnig, die Heilung von Krebs insgesamt auch nur in Aussicht zu stellen. "Krebs ist weitaus komplexer, als wir uns das in den 1970er-Jahren vorstellen konnten", sagt José Baselga, Präsident der Amerikanischen Gesellschaft für Krebsforschung. "Auch wenn wir jetzt einen Plan haben und in einer Situation sind, in der wir wirklich etwas ändern können."

Seit wenigen Jahren versuchen Ärzte, Krebs gezielter zu attackieren, als es mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie oft möglich war. Mutationen werden unschädlich gemacht, Krebszellen mithilfe von Immuntherapien als Zielscheibe für das körpereigene Abwehrsystem markiert und vernichtet. In der Theorie sind diese Behandlungsformen bestechend, im Labor zeitigen sie Erfolge - in der Praxis folgt jedoch oft Ernüchterung.

Die überteuerten Therapien, bei denen ein Zyklus bis zu 50 000 Euro kosten kann, werden von vielen Patienten nicht vertragen. Bei anderen verlängert sich die Überlebenszeit um vier oder sechs Wochen, aber auf Kosten schwerster Nebenwirkungen. "Das sind spannende Zeiten mit interessanten Neuentwicklungen", sagt der erfahrene Krebsarzt Wolf-Dieter Ludwig, der zudem die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft leitet. "Aber ob daraus wirklich ein Nutzen für die Patienten erwächst, können wir frühestens in fünf bis zehn Jahren erahnen."

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Der Nächste bitte

Wie wichtig Krebsvorsorge ist

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 500.000 Menschen neu an Krebs. Bedingt durch die Überalterung der Gesellschaft wird diese Zahl in Zukunft noch steigen. Wie sinnvoll Vorsorge-Untersuchungen sind und warum die Zahl der Todesfälle rückläufig ist.

Zeitangaben mit der Aussicht auf Heilung sind daher heikel. 2003 erklärte der damalige Leiter des National Cancer Institute, Andrew von Eschenbach, dass es sein Ziel sei, "Leiden und Tod durch Krebs bis zum Jahr 2015 zu eliminieren". In einer Anhörung fragte ihn der Politiker Arlen Specter, was es brauche, um den Zeitpunkt der Heilung früher zu erreichen. 600 Millionen Dollar im Jahr, antwortete Eschenbach. "Mit 600 Millionen im Jahr können Sie das Datum von 2015 auf 2010 vorverlegen?", fragte Specter. "Ja, Sir", antwortete Eschenbach. Specter starb 2012 an Krebs.