Krebs Für Schwerkranke ist es manchmal besser, sie mit Therapien zu verschonen

Die "Chemotherapie am offenen Grabe", wie die sture Weiterbehandlung bis kurz vor dem Tode heißt, gilt als Kunstfehler, wird aber 20 Prozent der Krebskranken noch aufgedrängt.

(Foto: imago/photothek)

Moderne Krebsbehandlungen helfen oft wenig und verschlimmern das Leiden der Todkranken. Die Denkmuster der Ärzte vernebeln den Blick für das, was wirklich wichtig ist.

Kommentar von Werner Bartens

Die Fortschrittsmythen der Medizin fordern ihre Opfer, Patienten bleiben dabei leicht auf der Strecke. Deutlich zeigt sich das an der Medizin am Lebensende, die oft gut gemeint, aber nicht immer gut gemacht ist. Vor lauter Euphorie über neue Techniken und innovative Therapien geht manchmal der Blick auf das verloren, was für Patienten wichtig ist. Dazu zählt Würde bis zuletzt.

Beispiel Krebsmedizin: Ärztliche Denkmuster und die Sehnsucht nach Erfolg machen anfällig für falsche Hoffnungen und überzogene Erwartungen. Die Bilanz der Krebsmittel, die seit 2009 auf den Markt gekommen sind, fällt jedoch ernüchternd aus. Die Mehrzahl der Arzneien gegen bösartige Tumore, die neu zugelassen wurden, hat keinen Zusatznutzen. Sie verlängern weder das Leben noch lindern sie Beschwerden in der Zeit, die bleibt. Und für die wenigen Mittel, die einen Zusatznutzen aufweisen, gilt leider, dass die Vorteile für Kranke oft nur marginal sind.

Derartige Analysen finden sich in renommierten Fachjournalen, erst diese Woche wieder im British Medical Journal. Sie werden aber kaum wahrgenommen, weil sie unerfreulich sind und dem ärztlichen Weltbild widersprechen, wonach Therapien immer besser werden. Bedauerlich ist das vor allem für Patienten. Ihr Leiden findet in einer Parallelwelt statt, denn was in der Medikamentenentwicklung als belegbarer Erfolg gilt, kommt bei Patienten nur selten als erlebter Gewinn an.

Die Mittel gehen oft mit heftigeren Nebenwirkungen einher als Standardtherapien

Sogar jene Minderheit der Krebsarzneien mit Zusatznutzen verlängert das Leben nur um durchschnittlich 2,7 Monate. Es ist ein Mittelwert, und 80 Tage länger am Leben zu bleiben, kann sehr wertvoll für Todkranke sein. Aber in der Begeisterung für die Therapie ("Das Neueste auf dem Markt") darf nicht untergehen, was das oft bedeutet: Die Mittel, die ein paar Wochen Leben schenken, gehen oft mit heftigeren Nebenwirkungen einher als Standardtherapien. Die Aussicht auf Übelkeit, allergische Reaktionen und Immunschwäche kann Patienten skeptisch machen.

Die moderne Medizin gibt sich dennoch fragwürdigen Therapieerfolgen hin, die oft eben nicht bedeuten, dass es Patienten besser geht. Das ist nicht böse gemeint, Ärzte wie Patienten lassen sich vielmehr von Nebelwörtern wie "Innovation" täuschen. Doch nur weil etwas neu ist, muss es nicht besser sein. In der Medizin haben viele Neuerungen enttäuscht. Leider zeigt sich immer wieder, dass Modelle aus dem Labor zwar zwingend logisch zu sein scheinen - im komplexen Modell Mensch aber doch nicht funktionieren.

Auch der Preis spielt eine Rolle. Sind Medikamente teuer, wird unterstellt, dass sie gut wirken. Doch schon jeder Weinkenner weiß: Schlechtes muss nicht billig sein. Viele neue Krebstherapien mit marginalen Vorteilen kosten 100 000 Euro pro Patient. Nicht der Nutzen, das Leid bestimmt den Preis.

Manchmal ist es besser, Schwerkranke von Therapien zu verschonen

Medizinische Denkmuster vernebeln oft den Blick auf das, was zählt. Aktionismus ist besser als nichts tun, lautet eine solche Devise. Dabei ist es für Schwerkranke manchmal besser, sie von Therapien zu verschonen. Nicht um an ihnen zu sparen, sondern um ihnen Leid zu ersparen. Ärzte müssen sich an diese Zurückhaltung erst gewöhnen. Die "Chemotherapie am offenen Grabe", wie die sture Weiterbehandlung bis kurz vor dem Tode heißt, gilt als Kunstfehler, wird aber 20 Prozent der Krebskranken noch aufgedrängt.

Krebsmedizin wie Gesundheitspolitik entwickeln sich in eine falsche Richtung. Neue Arzneien werden immer schneller zugelassen, oft reichen Ersatzkriterien dazu aus. Dann wird nicht Lebensqualität erfasst oder mehr Lebenszeit, sondern "progressionsfreie Intervalle", unveränderte Tumormarker oder andere Scheinerfolge gelten als Nutzenbeweise.

Eine solche Medizin hat die Bedürfnisse der Patienten aus den Augen verloren. Kranke können verzweifeln, wenn sie sich trotz Therapie nicht verstanden und nicht gemeint fühlen. Zur Würde bis zuletzt gehört es, Wünsche der Patienten zu respektieren, auch wenn sie nicht den Erfolgskriterien der Ärzte entsprechen. Manche Patienten hoffen bis zuletzt auf Mittel, die heilen. Andere wollen nicht mehr leben, wie die Berlinerin, deren Arzt gerade freigesprochen wurde, obwohl er ihr beim Sterben geholfen hat. Die Hoffnung soll niemandem genommen werden, die Verzweiflung schon, auch wenn das nicht immer möglich ist. Unredlich ist es allerdings, mit Ängsten und Erwartungen zu spielen und Therapien anzupreisen, die Kranken nicht helfen, sondern ihre letzten Tage unerträglich machen.

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