Krebs-Medizin Mehr als jeder dritte Tumor ließe sich vermeiden

Regelmäßiger Alkoholkonsum ist für etwa zwei Prozent aller Krebsfälle in Deutschland verantwortlich.

(Foto: dpa)
  • 38 Prozent aller Krebsfälle ließen sich durch einen gesünderen Lebensstil vermeiden.
  • In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass von den ungefähr 440 000 neuen Krebserkrankungen, die jedes Jahr in Deutschland auftreten, 165 000 auf Rauchen, Alkohol, zu wenig Bewegung, ungesunde Ernährung, Infektionen oder schädliche Umweltfaktoren zurückzuführen sind.
  • Die Zahl der Krebsfälle, die auf Umweltfaktoren zurückzuführen sind, liegt vermutlich höher als die Daten verraten.
Von Werner Bartens

Was ungesund ist und auf Dauer schadet, wissen die meisten Menschen eigentlich längst. Doch deswegen gleich auf kleine Sünden und größere Laster verzichten? So schlimm wird es schon nicht sein, so die populäre Ausrede. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ergibt sich allerdings eine erschreckend ausgeprägte Schadensbilanz. In gleich drei Beiträgen zeigen Ärzte und Wissenschaftler im Deutschen Ärzteblatt von dieser Woche, wie hoch der Anteil der wichtigsten prinzipiell vermeidbaren Krebsursachen in Deutschland ist.

Die Mitarbeiter des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg um Hermann Brenner kommen auf insgesamt fast 38 Prozent aller Krebsfälle, die sich vermeiden ließen. In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass von den ungefähr 440 000 Neuerkrankungen an Krebs, die jedes Jahr in Deutschland auftreten, 165 000 auf Rauchen, Alkohol, zu wenig Bewegung, ungesunde Ernährung, Infektionen oder schädliche Umweltfaktoren zurückzuführen sind. Anders ausgedrückt ließen sich zwei von fünf Krebserkrankungen durch eine gesündere Lebensführung und verbesserte Umweltbedingungen verhindern.

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Den weitaus größten Anteil unter den vermeidbaren Krebsursachen macht mit 19 Prozent erwartungsgemäß das Rauchen aus. Allein 89 Prozent der Lungenkrebsfälle bei Männern und 83 Prozent bei Frauen gehen auf Tabakkonsum zurück. Starker und regelmäßiger Alkoholkonsum kann zur Entstehung von Tumoren der Mundhöhle, des Rachens, der Leber und der Speiseröhre beitragen - ist aber insgesamt für "nur" etwa zwei Prozent aller Krebsfälle in Deutschland verantwortlich.

Wie zuverlässig die Daten über umweltbedingten Krebs sind, bleibt ungewiss

Der sesshaft-bequeme Lebensstil vieler Menschen hat ebenfalls einen erheblichen Anteil an der "attributablen Krebslast", wie Forscher die potenziell vermeidbaren Tumore nennen. So ist starkes Übergewicht ein Risikofaktor für Gebärmutter-, Nieren- und Leberkrebs und trägt damit immerhin zu etwa sieben Prozent aller Tumore bei. Ungesunde Ernährung mit wenig Obst und Gemüse, viel Fleisch, viel Salz und verarbeiteten Lebensmitteln kann an der Entstehung und Entwicklung von Darm-, Lungen- und Brustkrebs beteiligt sein und ist damit für acht Prozent aller Krebsfälle mitverantwortlich.

Unter den Infektionen sind es besonders jene mit dem Bakterium Helicobacter pylori und mit Humanen Papillomaviren, die jeweils zwei Prozent aller Krebserkrankungen auslösen können und bevorzugt zu Magenkrebs oder Tumoren des Unterleibs führen. Die untersuchten Umweltfaktoren machen mit insgesamt 1,2 Prozent einen vergleichsweise geringen Anteil an den vermeidbaren Krebsursachen aus; hier steht die Krebslast durch Radon in Innenräumen an erster Stelle, gefolgt von Feinstaub, Solariennutzung und Passivrauchen. Allerdings vermuten die Autoren, dass "die Gesamtzahlen und Anteile der Krebsfälle, die auf Umweltfaktoren zurückzuführen sind, vermutlich noch deutlich höher" liegen, aber zuverlässige Daten und Analysemethoden bisher fehlen.

Da sich jedes Jahr allein in Deutschland 165 000 Krebsfälle vermeiden ließen und viele Vorsorgestrategien längst bekannt sind, fragt sich Alexander Katalinic in einem Kommentar zu recht, "wie wirklichkeitsnah eine Raucherquote von 0 Prozent, der Verzicht auf Wurstwaren oder ein normaler Body-Mass-Index für die gesamte Bevölkerung sind". Der Krebsexperte der Universität Lübeck plädiert dafür, sich auf den mit Abstand wichtigsten Risikofaktor Rauchen zu konzentrieren. Intensivere Präventionsbemühungen und ein komplettes Werbeverbot für Tabak wären erste wichtige Schritte.

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