Krebs Die Krebsmedizin braucht Respekt statt Größenfantasien

Jeder Krebs hat andere Eigenschaften und molekulare Signaturen - das macht seine Bekämpfung häufig so schwer

(Foto: dpa)

In zehn bis zwanzig Jahren soll Krebs besiegt sein? Gesundheitsminister Spahn tut mit dieser haltlosen Ankündigung weder Patienten noch Ärzten einen Gefallen.

Kommentar von Werner Bartens

Mit der Zeit zu spielen, ist ein klassisches Stilmittel im Film. Kaum ein James-Bond-Streifen ohne tickende Bombe, die 007 im letzten Moment entschärfen kann. Kein Abenteuerfilm ohne brennende Lunte, kein Western ohne Ultimatum vor dem letzten Duell. Jens Spahn, der breitbeinige Gesundheitsminister, schießt - zumindest verbal - gerne schnell. Mit seiner Aussage, dass Krebs "in zehn bis 20 Jahren besiegt" sein könnte, liegt er allerdings ziemlich daneben.

Entweder weiß er es nicht besser, oder Spahn hat für die populistische Aussage bewusst Prügel in Kauf genommen. Vielleicht wollte er die Zunft der Krebsforscher moralisch stärken, doch gerade die Tumorexperten haben ihm rasch widersprochen. Schließlich weiß jeder Mediziner, dass sich Krebs nicht leicht und vor allem nicht bald wird besiegen lassen. Das liegt an dem Wesen von Tumoren, denn Krebs ist nicht eine Krankheit, er summiert tausend verschiedene Krankheiten. Jeder Krebs hat andere Eigenschaften, andere molekulare Signaturen, findet andere Ausbreitungswege - und weist andere Zeichen der Bösartigkeit auf.

"König aller Krankheiten"

Aus diesem Grund sterben manche Frauen innerhalb von zwei Jahren an Brustkrebs, ohne dass ein Arzt das verhindern kann. Andere überleben mit Brustkrebs hingegen 30 Jahre oder werden sogar vollständig geheilt. Diese Vielfalt im Tumorgewebe wie in der Prognose lässt sich für jede Krebsart finden, und die unterschiedlichen Überlebensraten sind weniger auf das therapeutische Geschick der Ärzte als auf die schicksalhaften Charakteristika der Krebszellen zurückzuführen. Und auch das gibt es leider immer wieder: Ein anfangs erfolgreiches Medikament hat den Tumor weitgehend zurückgedrängt, doch der hat sich inzwischen so verändert, dass er den Angriffen von Strahlen und Chemotherapie entkommt und erneut und umso heftiger wuchert.

Wer von diesem Katz-und-Maus-Spiel des Krebses mit dem Organismus weiß, verliert zwar nicht die Hoffnung, dass Tumore immer besser behandelt werden können, gewinnt aber an Demut vor den Volten dieses Leidens. Als "König aller Krankheiten" hat der Harvard-Onkologe Siddhartha Mukherjee den Krebs bezeichnet. Statt Größenfantasien wäre Respekt die angemessene Haltung angesichts der Herausforderungen in der Krebsmedizin.

Von Politikern lässt sich bei diesem Thema kaum Demut und Respekt lernen. Richard Nixon hat schon 1971 den "Krieg gegen den Krebs" erklärt, doch die Medizin ist trotz einiger Teilerfolge von einem Sieg meilenweit entfernt. US-Vize Joe Biden versprach 2015 einen "neuen Raketenstart" (new moonshot) in diesem Kampf; sein Sohn war wenige Monate zuvor einem Tumor erlegen. In einem Rededuell vor dem Senat hatte ein renommierter Ärztefunktionär der USA im Jahr 2003 verkündet, das Ende von Tod und Leid durch Krebs bis 2015 herbeizuführen; mit zusätzlichen 600 Millionen Dollar im Jahr würde er dieses Ziel sogar bis 2010 erreichen, versprach er vollmundig.

Jens Spahn führt mit haltlosen Ankündigungen zur Heilung von Krebs also eine politische Tradition fort. Ärzte und Forscher, die mühsam an besseren Therapien arbeiten und stolz auf die Fortschritte etwa in der Behandlung von Leukämien, Brustkrebs oder Hodenkrebs sein können, tut der Gesundheitsminister damit keinen Gefallen. Und schwer kranke Patienten brauchen einen aufrichtigen, fairen Umgang - und keine falsche Hoffnung.

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