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Krebs-Früherkennung:Wo bleibt die Fürsorge in der Vorsorge?

Krebs-Früherkennung und ihre medizinischen Folgen können mehr schaden als nutzen. Und die Ängste der Patienten werden vernachlässigt.

Es gibt Sätze, denen muss man einfach zustimmen. "Krebs, rechtzeitig erkannt, ist heilbar", lautet so ein unwiderlegbares Diktum. Das ist zweifellos richtig, denn "rechtzeitig" impliziert nun mal, dass Heilung immer möglich ist.

Darmkrebs Vorsorge

Vorstellung der Kampagne der Felix-Burda-Stiftung zur Darmkrebsvorsorge 2010. Ärzte, Kliniken und Gesundheitsministerien haben lange einseitig mögliche Vorteile der Früherkennung betont und beworben - doch die Kritik an den Tests lauter.

(Foto: Felix-Burda-Stiftung)

Kampagnen zur Krebsfrüherkennung werben mit diesem Pleonasmus und vermitteln den ebenso simplen wie in seiner Verallgemeinerung falschen Dreischritt: Früher erkennen, besser behandeln, länger leben. Das Dumme ist nur, dass sich viele Tumore nicht rechtzeitig erkennen lassen oder gar nicht erkannt werden müssten. Früherkennung und ihre medizinischen Folgen können daher mehr schaden als nutzen, wie am Wochenende auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing deutlich wurde.

Nachdem Ärzte, Kliniken und Gesundheitsministerien jahrzehntelang einseitig mögliche Vorteile der Früherkennung betont und beworben hatten, wird die Kritik an den Tests seit dem Jahr 2000 lauter und der Vorteil für Gesunde hinterfragt - nur solche werden schließlich in Früherkennungsprogrammen angesprochen. Dennoch hat der Bundestag 2002 beschlossen, das Mammographie-Screening einzuführen, und die Felix-Burda-Stiftung versucht mit enormem Aufwand und Medieneinfluss, die Bereitschaft zur Darmspiegelung zu steigern.

"Fernsehsender scheinen die Krebsarten untereinander aufgeteilt zu haben", sagt Wissenschaftsautor Christian Weymayr. "Die ARD den Darm, das ZDF die Prostata, Sat1 die Brust." Unausrottbar ist auch die Analogie zum Auto, wie Weymayr zeigte. Schon 1933 wurden Männer angesprochen, ihren Körper wie ihr Automobil untersuchen zu lassen. Heute heißt es in einer Broschüre zur Früherkennung von Prostatakrebs wenig subtiler: "Ein Mann kennt die PS seines Autos, kennt er auch sein PSA?".

Warum es so schwierig ist, mit Früherkennung Leiden zu vermindern oder gar zu verhindern, wird anhand der variablen Ausbreitung von Krebs deutlich. Typ 1 kann mittels Früherkennung entdeckt werden, bevor Metastasen entstehen. Frühe Therapie verhindert das weitere Krebswachstum und bringt tatsächlich Heilung. Hier führt eine frühe Diagnose zu gewonnenen Lebensjahren.

In diesem Fall ist Früherkennung sinnvoll und echte Vorsorge. Typ 2 bildet hingegen schon früh Metastasen. Früherkennung und früh begonnene Therapie können den Krebs nicht mehr heilen. Früherkennung führt in diesem Fall zu keiner Verlängerung des Lebens, sondern zur Verlängerung des Leidens.

Typ 3 beschreibt zwar auch einen Tumor, doch der bildet nie Metastasen. Die Früherkennung führt zu einer früheren Therapie. Da der Tumor aber nicht tödlich ist, wird das Leben durch Früherkennung nicht verlängert, das Leiden durch Nebenwirkungen der Therapie hingegen schon. Typ 4 schließlich beschreibt einen Tumor, der so langsam wächst oder zeitlebens so klein bleibt, dass er nie auffallen oder Beschwerden verursachen würde.

Bei der Früherkennung wird er entdeckt und in der Folge eine Therapie eingeleitet. Durch die Behandlung wird das Leben nicht verlängert, sondern unnötige Diagnose ("Überdiagnose") und Therapie ("Übertherapie") belasten Patienten. Manche Ärzte rühmen sich dessen noch. "Die ,erfolgreichsten' Krebsbehandlungen sind dann die jener Tumore, die nie aufgefallen wären", sagt Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg.

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