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Krankheiten - München:Bayern plant Zukunft mit Coronavirus

Bayern
Melanie Huml (CSU), Staatsministerin für Gesundheit und Pflege. Foto: Peter Kneffel/dpa/Archivbild (Foto: dpa)

München (dpa/lby) - Trotz deutschlandweit steigender Zahlen von Coronavirus-Erkrankungen und eines neuen Falls in Bayern sind im Freistaat derzeit keine größeren Einschränkungen geplant. "Wir sehen noch nicht die Notwendigkeit, Schulen zu schließen", sagte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Freitag in München. Auch werde es derzeit keine prophylaktische Absage von Großveranstaltungen wie etwa in der Schweiz geben. Ferien-Rückkehrer sollen in Zügen, Flugzeugen und auf der Autobahn mit Info-Materialien sensibilisiert werden. Um schnell und zielgerichtet auf die Virus-Ausbreitung reagieren zu können, arbeiten Vertreter des Gesundheits- und des Innenministeriums ab sofort auch in einem Krisenstab zusammen.

Huml betonte, dass jegliche Schutzmaßnahmen immer abhängig vom weiteren Verlauf der Ausbreitung zu bewerten seien. Dies gelte auch für proaktive Schulschließungen, sollte etwa nicht mehr erkennbar sein, wie die Infektionswege verlaufen. Mit Blick auf die nun endenden Schulferien sagte Huml, dass sie derzeit keinen Anlass für Eltern sehe, gesunde Kinder ohne Symptome vorsorglich zu Hause zu lassen. Umgekehrt appellierte sie an Eltern, kranke Kinder - etwa mit Erkältungen - nicht in Schulen oder Kindergärten zu schicken.

Das Kultusministerium hat derweil die Schulen über die Abläufe bei Verdachtsfällen informiert: Die Schulleitung soll dann Kontakt mit dem Gesundheitsamt aufnehmen und die Erziehungsberechtigten informieren. Über weitere Maßnahmen entscheidet das Gesundheitsamt. Begründete Verdachtsfälle seien Personen mit Atemwegssymptomatik, die sich in den vergangenen 14 Tagen entweder in den Risikogebieten in China, Italien, Südkorea oder im Iran aufgehalten haben oder die engeren Kontakt zu einem nachgewiesen Infizierten hatten.

Anders als in der Schweiz sollen wegen des neuartigen Coronavirus in Bayern keine Messen oder andere Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abgesagt werden. Die Staatsregierung appellierte aber an die Veranstalter, Aussteller aus Risikogebieten auszuladen. Sollte das nicht möglich sein, müsse überdacht werden, ob die komplette Messe abgesagt wird. Die Veranstalter werden zudem gebeten, alle in naher Zukunft geplanten Events den Gesundheitsbehörden zu melden.

Sollte es zu einer größeren Ausbreitung an einem Ort kommen, sieht die Planung der Staatsregierung auch nicht die Abriegelung ganzer Ortschaften vor - wie etwa in Italien. "Ein ganzes Dorf abzuriegeln, steht definitiv nicht zur Debatte", sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Personen, die krank seien oder bei denen ein Verdacht bestehe, sollten isoliert und unter Quarantäne gestellt werden. Generell seien Polizei, Feuerwehr und andere Hilfsorganisationen sehr gut auf die Lage vorbereitet, personell wie bei der Ausstattung.

Um in den Ankerzentren für Flüchtlinge eine Ausbreitung zu verhindern, würden alle neu ankommenden Flüchtlinge und Asylbewerber schon bei der Ankunft auf das Coronavirus Sars-CoV-2 getestet, sagte Herrmann. Bislang sei aber kein positiver Fall dabei gewesen.

Der 15. Fall in Bayern sei ein Mitarbeiter des Universitätsklinikums Erlangen, der dort stationär behandelt werde, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mit. Nach Angaben des Klinikums ist es ein Oberarzt der Hautklinik. Er habe am Wochenende bei einem Ärzte-Workshop in München Kontakt mit einem italienischen Arzt gehabt. Dieser sei erst nach der Rückkehr nach Italien positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden.

Das Gesundheitsamt habe bislang 47 Kontaktpersonen des Oberarztes ermittelt, die sich häuslich isolieren und ihren Gesundheitsstatus melden sollten. Der Zustand des Arztes sei stabil. An der Hautklinik wurde eine Isolierstation eröffnet, auf der mögliche weitere Sars-CoV-2-Patienten behandelt werden können.

Ein Mann aus Nürnberg wurde während einer Geschäftsreise nach Baden-Württemberg positiv auf das neuartige Coronavirus getestet. Der 36-Jährige werde in einem Krankenhaus in Karlsruhe isoliert behandelt, teilten das Gesundheitsministerium in Stuttgart sowie die Stadt Nürnberg mit. Auch seine Familie habe Symptome gezeigt; die Ehefrau sowie zwei Kinder sowie die Schwiegermutter des Mannes befänden sich in einer Nürnberger Isolierstation zur Abklärung, hieß es. Mit den Testergebnissen werde frühestens am Samstag gerechnet.

Die meisten Sars-CoV-2-Infizierten haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln und Halsschmerzen oder gar keine Symptome. 15 von 100 Infizierten erkrankten schwer, hieß es vom Robert Koch-Institut. Sie bekommen etwa Atemprobleme oder eine Lungenentzündung. Nach bisherigen Zahlen sterben ein bis zwei Prozent der Infizierten, weit mehr als bei der Grippe.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schrieb nach der Sitzung des Kabinettsausschusses bei Facebook: "Wir nehmen die Situation sehr ernst und tun alles, um eine Ausbreitung einzudämmen." Die Sicherheit der Bevölkerung stehe an erster Stelle. Bayern stimme sich in der Sicherheitsstrategie eng mit dem Bund ab.

Derweil klagen laut Huml schon viele Mediziner in Bayern über Probleme bei der Beschaffung von geeigneter Schutzkleidung für die Behandlung von Coronavirus-Patienten. Die Staatsregierung sei aber in Gesprächen mit Herstellern, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Ärzteschaft und der Bundesregierung und suche nach Lösungen. Es werde auch diskutiert, ob die Tests auf eine Infektion "materialschonender" an einem zentralen Ort erfolgen könnten. So seien weniger Schutzanzüge notwendig. Huml betonte aber auch, dass jeder Arzt auch selbst dafür verantwortlich sei, sich mit Schutzkleidung zu versorgen, um Tests bei potenziell Erkrankten durchzuführen.

Dagegen rechnet das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) bei den Labortests mit steigenden Kapazitäten in Bayern. Derzeit könnten täglich 1200 Proben auf das Coronavirus untersucht werden. "Das wird schon noch mehr werden", sagte LGL-Leiter Andreas Zapf. Seit Januar werde die Laborkapazität erhöht, noch seien nicht alle Einrichtungen in Bayern damit befasst. Zapf betonte, wie wichtig die Unterbrechung der Infektionsketten sei.

In der kommenden Woche soll es Gespräche mit den Krankenhäusern in Bayern über deren Kapazitäten geben. Engpässe etwa bei Isolierzimmern erwarte sie keine, sagte die Ministerin. Je nach Bedarf sei es aber denkbar, dass ein gesamtes Krankenhaus für die Versorgung von Coronavirus-Patienten genutzt werde. Dann müssten die anderen Patienten in andere Kliniken verlegt werden.

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