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Kopfschmerzen:Ist es Migräne?

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Migräne, Spannungskopfschmerzen oder Clusterkopfschmerzen - die Pein im Schädel kann ganz unterschiedliche Ursachen und Auswirkungen haben. Wie Sie die Art Ihres Kopfschmerzes richtig erkennen.

Von Nina Buschek

Etwa 70 Prozent der Bevölkerung haben mindestens einmal im Jahr Kopfschmerzen, schätzen Experten. Nach Rückenschmerzen sind sie die zweithäufigste Schmerzform. Die Pein im Kopf kann stark und quälend sein. Die gute Nachricht ist: Die allermeisten Kopfschmerzen sind aus medizinischer Sicht ungefährlich.

Was weh tut, sind die Gewebe im Kopf, etwa Hirnhäute, Blutgefäße oder Nerven. Die Gehirnsubstanz selbst ist nicht schmerzempfindlich. Wie Kopfschmerzen entstehen und warum manche Menschen mehr darunter leiden als andere, können Forscher bis heute nicht vollständig erklären.

Die internationale Kopfschmerzklassifikation listet mehr als 250 verschiedene Arten. Nur in sehr wenigen Fällen sind Kopfschmerzen ein Symptom einer anderen, mitunter sehr ernsten Erkrankung. Ärzte sprechen vom sekundären Kopfschmerz. In 95 Prozent aller Fälle handelt es sich dagegen um primäre Kopfschmerzen. Hier ist der Schmerz selbst die Erkrankung. Ein Arzt würde also bei der körperlichen Untersuchung nichts Unnormales finden. Die Symptome und Ursachen der häufigsten primären Kopfschmerzen finden Sie auf den folgenden Seiten.

Migräne - Pulsierende Pein

  • Typisch für Migräne sind anfallsartige, heftige, oft einseitige, pulsierend-pochende Kopfschmerzen. Der Schmerz kann innerhalb eines Migräneanfalls oder von einer Attacke zur nächsten die Seite wechseln. Bei einem Drittel der Betroffenen schmerzt jedoch der gesamte Kopf.
  • Während einer Migräneattacke wird Alltägliches zur Qual. Die starken Schmerzen gehen häufig mit Übelkeit und Erbrechen einher. Die Betroffenen sind appetitlos, blass, lichtscheu und lärmempfindlich. Manche beschreiben eine Überempfindlichkeit gegen bestimmte Gerüche.
  • Körperliche Belastung verstärkt den Migräneanfall. Ruhe, ein abgedunkelter Raum und Schlaf lindern die Beschwerden.
  • Migräne kann von Attacke zu Attacke unterschiedlich stark ausfallen. Ohne Behandlung dauert ein solcher Anfall beim Erwachsenen zwischen vier Stunden und maximal drei Tagen.
  • Bei 15 bis 25 Prozent der Migränepatienten kündigt sich die Kopfschmerzattacke mit einer sogenannten Aura an. Am häufigsten sind Sehstörungen. Die Betroffenen sehen etwa Lichtblitze oder farbige Flecken mit gezackten Rändern, die umherwandern. Es können aber auch Gefühlsstörungen oder Sprachstörungen hinzukommen. Die Aura entwickelt sich über Minuten und klingt binnen einer Stunde wieder ab. Dann setzen die Kopfschmerzen ein.
  • Bei den meisten Patienten kehren die Attacken immer wieder.

Wer ist betroffen?

10 bis 15 Prozent der Bevölkerung leiden unter Migräne. Auch Kinder können betroffen sein. Oft treten die ersten Migräneanfälle jedoch zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf. Ihre Intensität schwankt im Laufe des Lebens. Die deutlichsten Beschwerden erleben Betroffene meist zwischen 40 und 50. In dieser Lebensphase leiden dreimal mehr Frauen unter Migräne als Männer. Mit zunehmendem Alter werden die Attacken oft milder und seltener.

Ursachen und Auslöser

Welche Vorgänge im Gehirn die typischen Migränesymptome verursachen, ist nicht eindeutig geklärt. Offenbar sind im Gehirn schmerzverarbeitende Nervennetze überaktiv. Sie befeuern eine Entzündungsreaktion in den Blutgefäßen der Hirnhäute. Das pulsierende Blut dehnt die entzündeten Gefäßwände. Deshalb ist Migräneschmerz auch typischerweise pochend.

Die Veranlagung dafür, auf bestimmte Reize oder Überlastung mit dieser Entzündungskaskade im Gehirn zu reagieren, scheint bis zu einem gewissen Grad erblich zu sein. Aus epidemiologischen Studien weiß man, dass etwa zwei Drittel der Migränepatienten Angehörige haben, die ebenfalls unter Migräne leiden.

Viele Migränepatienten kennen Faktoren, die einen Anfall auslösen können. Diese sogenannten Trigger sind von Mensch zu Mensch verschieden. Sie reichen von Stress und Schlafentzug über Koffeinentzug bis zu hormonellen Schwankungen im Menstruationszyklus. Bei der Behandlung von Migräne kommen sowohl Medikamente also auch nicht-medikamentöse Therapien zum Einsatz.

Spannungskopfschmerz - Drücken im gesamten Kopf

  • Spannungskopfschmerz drückt oder zieht im gesamten Kopf. Für viele fühlt es sich an, als sei der Kopf in einen zu engen Hut oder einen Schraubstock gepresst oder als drückte eine zu schwere Last auf die Schädeldecke. Oft beginnt der Schmerz im Nacken und zieht über den Hinterkopf bis in die Stirn - oder umgekehrt. Eventuell schmerzen auch Augen und Wangen.
  • Die Kopfschmerzen sind leicht bis mittelschwer. Sie beeinträchtigen den Alltag kaum.
  • Während der Attacke ist eine leichte Licht- oder Geräuschempfindlichkeit möglich. Andere Begleitsymptome sind untypisch.
  • An der frischen Luft bessern sich die Schmerzen.
  • Eine Schmerzattacke kann zwischen Minuten und Tagen dauern.
  • Spannungskopfschmerzen können gelegentlich auftreten, aber auch chronisch werden. Als chronisch bezeichnen Ärzte Kopfschmerzen, die über ein Vierteljahr an mehr als 15 Tagen pro Monat auftreten.

Wer ist betroffen?

Spannungskopfschmerz ist die häufigste Kopfschmerzart. Er tritt im jungen Erwachsenalter meist gelegentlich auf, kann später chronisch werden. Chronischer Spannungskopfschmerz ist bei Frauen häufiger als bei Männern. Einige Betroffene leiden zusätzlich unter einer Angststörung, depressiven Symptomen oder Schlafstörungen. Es besteht oft eine familiäre Belastung.

Ursachen und Auslöser

Forscher haben beobachtet, dass bei Patienten mit chronischen Spannungskopfschmerzen schmerzverarbeitende Zentren im Gehirn in der Kernspintomografie anders aussehen. Welche biologischen Vorgänge dahinter stecken, weiß man noch nicht.

Eine gängige Theorie geht davon aus, dass eine erhöhte Anspannung der Nackenmuskulatur mit der Zeit die Empfindlichkeit der Schmerzzentren in Gehirn erhöht.

Manche Menschen reagieren auf Stress, fieberhafte Infekte, eine muskuläre Fehlbelastung oder psychische Belastungen mit Spannungskopfschmerzen. Therapien, die an diesen Auslösern ansetzen, etwa Stressmanagement oder Krankengymnastik, können neben Medikamenten Spannungskopfschmerzen lindern.

Clusterkopfschmerz - Bohrender Schmerz an Schläfe und Auge

  • Clusterkopfschmerz äußert sich mit streng einseitigen, sehr starken Attacken. Der Schmerz reißt, bohrt oder brennt unerträglich im Bereich von Schläfe und Auge.
  • Typisch während der Schmerzattacke sind ein rotes, tränendes Auge, ein hängendes Augenlid sowie eine laufende Nase, Schweißausbrüche im Gesicht und eine allgemeine Bewegungsunruhe. Auch Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit kommen vor.
  • Die Attacken dauern zwischen 15 Minuten und drei Stunden. Oft kommen Sie unvermittelt, ohne erkennbaren Auslöser, gerne mitten im Schlaf. Viele Betroffene erkennen einen Rhythmus, etwa, dass die Attacken immer zur selben Uhrzeit auftreten.
  • Der englische Begriff "Cluster" bedeutet übersetzt "Häufung". Denn die Kopfschmerzattacken treten typischerweise während ein paar Wochen oder Monaten gehäuft auf, bis zu achtmal täglich. Dann verschwinden sie wieder für Monate oder Jahre.

Wer ist betroffen?

Clusterkopfschmerz ist selten. Weniger als ein Prozent der Bevölkerung erleben innerhalb eines Jahres eine Attacke. Männer sind dreimal so häufig betroffen wie Frauen. Clusterkopfschmerzen können in jedem Lebensalter auftreten. Am häufigsten beginnen sie im Alter von 20 bis 40 Jahren. Die Schmerzattacken können Betroffene ein Leben lang begleiten. Allerdings lässt der Schmerz bei einigen im höheren Alter nach.

Ursachen und Auslöser

Die Ursachen von Clusterkopfschmerz liegen im Dunkeln. Bekannte Auslöser von Kopfschmerzattacken sind Alkohol (auch kleine Mengen), manche Medikamente (z.B. Nitro-Präparate, das sind gefäßerweiternde Medikamente, die manche Herzpatienten bekommen) oder ein Aufenthalt in großer Höhe.

Manche Menschen leiden auch an mehreren Kopfschmerzarten parallel. Dann hilft ein Kopfschmerzkalender, in den man über einige Wochen alle Kopfschmerzen einträgt und beschreibt.

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