Konsequenzen aus dem Flugzeugunglück:Vermeintliche Allmacht der Ärzte

Psychische Störungen sind viel häufiger, als die meisten Menschen vermuten. Etwa 25 Prozent aller Menschen machen irgendwann in ihrem Leben eine depressive Episode mit Krankheitswert durch. Schizophrenie, Wahnerkrankungen, psychosomatisch überlagerte Erschöpfungszustände und andere psychische Krankheiten sind zwar seltener, doch auch sie kommen im einstelligen Prozentbereich vor.

Allen diesen Leiden ist gemeinsam, dass sie sich beim einen von allein wieder geben, beim anderen nach einer kurzen Therapie, während sie beim Dritten zu furchtbaren Krisen führen. Es gibt zwar Faktoren, die für eine ungünstige Prognose sprechen, doch den einen sich oder andere Gefährdenden aus Tausenden psychisch labilen, aber letztlich stabilen herauszufiltern, ist oft unmöglich. Wer anderes behauptet, schreibt Medizin und Medizinern eine Allmacht zu, die sie nicht haben - und im Falle der psychischen Leiden wohl auch nie haben werden.

Patienten müssen sich bei ihrem Arzt sicher fühlen

Neben diesen Gründen gibt es noch einen anderen Aspekt, der dagegen spricht, die Schweigepflicht zu lockern. Es gehört zum Selbstverständnis der Heilberufe, Psychologen, Anwälte, aber auch Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, dass die Geheimnisse ihrer Patienten, Kunden und Klienten bei ihnen sicher sind. Es würde die Grundlage des Arzt-Patienten-Verhältnisses wie auch der anderen Berufsbeziehungen erschüttern, wenn sich der Rat- und Hilfesuchende nicht mehr sicher sein kann, ob das, was er einem anderen anvertraut, auch bei ihm - und nur bei ihm - bleibt.

Diese Berufsgruppen leben davon, dass sich ihnen Fremde mit ihren Defiziten und Fehlern und Eigenheiten offenbaren. Für viele Patienten ist das bereits schwer genug, weil sie schon kleinere Einschränkungen für eine große Schwäche halten und ihnen ihr Leiden peinlich oder unangenehm ist.

In Notlagen und wenn ein "höherwertiges Rechtsgut" konkret gefährdet ist, gilt die Schweigepflicht nicht mehr, dann muss Auskunft gegeben werden; das ist schon seit Jahren so festgelegt. Ärzte und Psychologen wissen, dass sie dazu angehalten sind, Polizei oder Staatsanwaltschaft zu informieren, wenn Patienten akut sich selbst oder andere gefährden.

Es gibt also bereits einen Passus, der die Schweigepflicht im Notfall außer Kraft setzt; weitere Lockerung hilft nicht weiter. Das Mittel, mit dem sich ein Unglück wie das in den Alpen künftig verhindern ließe, muss anderswo gesucht werden. Die schmerzliche Ungewissheit bleibt.

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