Süddeutsche Zeitung

Herzstillstand:Leben retten kann so einfach sein

Erste Hilfe leisten bei plötzlichem Herzstillstand ist die einfachste Methode, ein Leben zu retten. Wieso aber machen das dann so wenige Menschen?

Er ist sehr häufig ein überflüssiger Tod in Deutschland: der plötzliche Herztod. Schätzungsweise 80 000 bis 100 000 Menschen sterben jedes Jahr, weil plötzlich das Herz ausfällt und kein Blut mehr in Gehirn und Körper pumpt. Er ist somit ungleich häufiger als etwa der Suizid, den rund 10 000 Menschen jährlich in Deutschland begehen, meist aufgrund einer psychischen Störung. Er ist häufiger auch als der Tod im Straßenverkehr, der im vergangenen Jahr 3177 Opfer forderte. Wie seltsam, dass nicht mehr gegen den plötzlichen Herzstillstand unternommen wird.

Mit gutem Grund arbeitet eine ganze Industrie daran, die Zahl der Suizide zu verringern: Immer neue Kampagnen sollen auf die Depression und die Möglichkeit ihrer Behandlung aufmerksam machen. Intensiv wird nach neuen Therapien geforscht. Für den Straßenverkehr haben die Ingenieure den Sicherheitsgurt und den Airbag erfunden, manche Politiker fordern sogar Tempo 130 auf den Autobahnen.

Eine andauernde Tragödie

Die Bekämpfung des plötzlichen Herztodes ist im Vergleich dazu ein Nebenthema, obwohl die Therapie einfach und bekannt ist: Der nächtsstehende Passant müsste schnell die Notfallnummer 112 anrufen, sich dann über den Betroffenen beugen und ihm etwa 100-mal pro Minute fünf Zentimeter tief den Brustkorb eindrücken. Wenn der Helfer weiß, wie es geht, sollte er zusätzlich Mund-zu-Mund beatmen, aber das Pressen ist wichtiger.

Eigentlich ganz einfach.

Dabei zählt jede Sekunde. Die Überlebenswahrscheinlichkeit bei einem plötzlichen Herzstillstand verringert sich mit jeder verstrichenen Minute um etwa zehn Prozent. Nach fünf Minuten ist ein Überleben nahezu ausgeschlossen. Fünf Minuten ist aber die Zeit, die ein Krankenwagen in der Regel mindestens braucht, um am Einsatzort zu sein. Erste Hilfe in Form einer Herzdruckmassage verdoppelt die Überlebenschancen.

Es ist eine andauernde Tragödie, dass in Deutschland nach Daten der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiolgie und Intensivmedizin vermutlich nur jeder Dritte mit Herzstillstand diese simple Hilfe erfährt, manche Schätzungen liegen noch deutlich darunter. Deutschland liegt damit im europäischen Vergleich im unteren Drittel. In Skandinavien können 70 Prozent der Betroffenen mit sofortiger Wiederbelebung rechnen.

Bleibt die Frage, wie man auf diese Situation reagiert. Mit einer staatlichen Pflicht zum Ersten-Hilfe-Kurs, den ja ohnehin sehr viele Menschen für den Führerschein gemacht haben? Auf welcher gesetzlichen Basis? Womöglich liegt das Problem aber auch gar nicht am fehlenden Wissen, sondern am mangelnden Mut. Das ist wohl die wichtigste Botschaft: Nichthandeln ist auf jeden Fall die schlechteste Option. Leute, helft bitte.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4191632
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 03.11.2018
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.