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Klimawandel:Wie 0,04 Prozent CO₂ krank machen

Tropensturm 'Harvey'

Ein Mensch im Sturm. Hurrikan "Harvey" hatte im US-Staat Texas schwere Verwüstungen angerichtet.

(Foto: dpa)

Luftverschmutzung, Überschwemmungen, Viren: Forscher warnen in einer großen Studie vor dem Klimawandel als Gefahr für die Gesundheit.

Kohlendioxid ist kein zentraler Begriff der Medizin. Der Pschyrembel, das Wörterbuch der Zunft, widmet ihm lediglich einen kleinen Absatz. Das Spurengas sei in ausgeatmeter Luft auf 4,5 Prozent angereichert, heißt es dort. Und für den Menschen gefährlich werde es bei einem Anteil von 20 Prozent CO₂ in der Raumluft. Dann drohe das Ersticken.

Wesentlich mehr Platz gibt die Fachzeitschrift Lancet der Verbindung: Dort beschreibt ein Team von Ärzten auf 107 Seiten, welche massive Gefahr schon 0,04 Prozent CO₂ in der Luft bedeuten - das ist der Anteil, den das Treibhausgas in der Erdatmosphäre erreicht hat.

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Die dort beschriebene Gefährdung entsteht nicht unmittelbar beim Atmen. Es geht um Nieren- und Herzprobleme bei Hitzewellen, Verletzungen durch Stürme, die Ausbreitung von Tropenkrankheiten und Mangelernährung. "Als Ärzte blicken wir auf Kohlendioxid als Verursacher des Klimawandels", sagt Anthony Costello, Direktor bei der Weltgesundheitsorganisation und einer der Leiter der Lancet-Arbeitsgruppe. "Das ist ein Gesundheitsproblem für Millionen Menschen."

Das Risiko für Dengue-Fieber hat zugenommen, weil Mücken in der Wärme gut gedeihen

In dem Report, der am Dienstag in London veröffentlicht wurde, berichten die Autoren über die Entwicklung von 40 Indikatoren. Zu den Themen gehören neben direkten Effekten des Klimawandels auch indirekte wie die Luftverschmutzung, die von Kohlekraftwerken ausgeht, sowie Fortschritte beim Umbau der Gesundheitssysteme. Nicht zufällig ist der Bericht kurz vor dem Klimagipfel in Bonn erschienen. "Wir wollen die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass wir vom Weg abgekommen sind", sagt Costello. "Die seit 25 Jahren verzögerte Reaktion auf den Klimawandel hat menschliche Leben gefährdet."

Mit ihrer Feststellung, dass Klimawandel krank machen kann, stehen die Lancet-Autoren nicht alleine da. 2013 warnte das Robert-Koch-Institut: "Klimaveränderungen und damit verbundene gesundheitliche Folgen haben Menschen in Deutschland bereits jetzt zu spüren bekommen." Lebensumstände oder Bevölkerungswachstum tragen oft zum Risiko bei. Der Klimawandel verstärke generell andere Bedrohungen, so der neue Bericht.

Ein Beispiel ist das Dengue-Fieber. Seit den 1990er-Jahren hat die globale Erwärmung dazu geführt, dass einschlägige Mückenarten das Virus deutlich häufiger übertragen als zuvor. Unter anderem deswegen ist die Zahl der Todesfälle gestiegen, besonders in Südostasien. Starben dort 1990 vier von einer Million Menschen an der Krankheit, sind es inzwischen jährlich sieben pro einer Million Einwohner.

Auch die Belastung durch Hitzewellen habe zugenommen, berichten die Mediziner. Das gilt vor allem für Menschen im Alter von 65 Jahren und darüber: Von ihnen seien inzwischen 125 Millionen Menschen mehr als im Jahr 2000 tagelang übermäßiger Wärme ausgesetzt. Das belaste Nieren und Herz und könne tödlich enden. Die vorhandenen, oft dürftigen Zahlen erlauben aber keine Aussage über mögliche Trends der Sterblichkeit. Abschätzen lässt sich hingegen die Belastung der Landbevölkerung.

"Ein paar deutliche Leuchtpunkte der Hoffnung"

Weil Menschen nicht auf sengenden Feldern arbeiten können, sei die Agrarproduktivität seit Beginn dieses Jahrhunderts um drei Prozent zurückgegangen, stellt die Lancet-Kommission fest. Hinzu kam im Rekordjahr 2016 ein Ausschlag von weiteren zwei Prozentpunkten. Zählt man die ausgefallenen Stunden zusammen, sind auf der Welt umgerechnet 920 000 Arbeitskräfte ausgefallen, fast die Hälfte davon in Indien. Solche Einbußen tragen dazu bei, die Versorgung mit Nahrung zu gefährden.

Zudem verändert der Klimawandel die Muster von Niederschlägen und macht trockene Gebiete oft noch trockener. Der Ertrag der wichtigsten Getreide schwindet unter erhöhten Temperaturen. Auch Fischerei lohnt weniger, wenn Meere durch den Klimawandel wärmer und saurer werden. Für eine Milliarde Menschen gerät so die Hauptquelle für Eiweiß und Nährstoffe wie Zink, Vitamin B12 oder Omega-3-Fettsäuren in Gefahr.

Die Autoren des Berichts setzen bewusst ihre Autorität als Mediziner ein, um politische Wirkung zu erzielen. "Wenn uns ein Arzt sagt, wir müssen mehr auf unsere Gesundheit achten, nehmen wir das ernst", sagt Christiana Figueres, die ehemalige Chefin des Klimasekretariats der Vereinten Nationen in Bonn. Sie leitet den Beirat der Lancet-Projektgruppe. "Das sollten nun auch die Regierungen tun."

Allerdings sehen die Autoren des Berichts nicht nur schwarz. Maßnahmen gegen den Klimawandel böten auch die Chance, die Gesundheit von Millionen Menschen zu verbessern. So sollte mit dem Abschalten von Kohlekraftwerken auch die Luftverschmutzung sinken. "Es ist ein dunkles Bild", sagt Costello, "aber es enthält ein paar deutliche Leuchtpunkte der Hoffnung."

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