Die Arbeiter, die nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima zu Aufräum- und Dekontaminationsarbeiten aufbrachen, mögen sich vor allem um radioaktive Strahlung gesorgt haben. Tatsächlich aber setzte den von Kopf bis Fuß in dichte Schutzanzüge gehüllten Menschen in erster Linie die Hitze zu. 60 Prozent von ihnen erlebten Schweißausbrüche, Muskelkrämpfe, Schwindel, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Übelkeit, Ohnmacht. Dabei hatte man für sie Schutzvorkehrungen getroffen, auf die etliche Werktätige dieser Welt vergeblich hoffen. Denn Arbeiten unter zu hohen Temperaturen ist mittlerweile an sehr vielen Orten ein Problem.
Ob der Straßenarbeiter auf sengendem Asphalt, Erntehelfer in der Mittagssonne oder Wäscherinnen in schwülen Räumen: „Hitzebelastung am Arbeitsplatz ist zu einer globalen gesellschaftlichen Herausforderung geworden, die nicht mehr nur auf Länder in Äquatornähe beschränkt ist – wie die jüngste Hitzewelle in Europa deutlich gemacht hat“, sagt Ko Barrett, Generalsekretär der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in einer Pressemitteilung. Anlass ist ein am Freitag erschienener Bericht zum Hitzestress am Arbeitsplatz, den WMO und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeinsam herausgaben.
Demnach bedroht Hitze – angetrieben durch den Klimawandel – weltweit mittlerweile 2,4 Milliarden Werktätige. 23 Millionen Arbeitsunfälle und 19 000 Todesfälle pro Jahr seien die Folge, schreiben die Autoren unter Berufung auf Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). „Der Klimawandel hat Folgen für alle Menschen, aber Arbeiter sind die größte vulnerable Gruppe“, führen die Autoren aus. Arbeitnehmer müssen sich oft länger an heißen Orten aufhalten, müssen bisweilen Kleidung tragen, die Abkühlung erschwert, oder aber selbst bei hohen Temperaturen körperlich aktiv sein.
Hitze belastet auch die Psyche
Ein arbeitender Körper erzeugt zusätzliche Wärme. Er steht dann vor der Herausforderung, gleichzeitig die Durchblutung der lebenswichtigen Organe, der stark geforderten Muskeln und der Haut sicherzustellen, damit sie die Wärme abführen kann. In heißen Umgebungen kann der Organismus dabei an seine Grenzen stoßen.
Einen allgemeingültigen Grenzwert für die Umgebungstemperatur nennen die Autoren des Berichts nicht. Die Belastungen sind abhängig von weiteren Faktoren wie Luftfeuchtigkeit, Wind und den speziellen Arbeitsbedingungen. Klarer ist dagegen die Körpertemperatur zu bewerten: „Die Schwelle, ab der es gefährlich wird, sind 38 Grad Celsius über eine längere Zeit“, sagte Rüdiger Krech, bei der WHO für Klimawandel und Gesundheit zuständig, auf einer Pressekonferenz der beiden UN-Behörden.
Diese Schwelle wird offenbar häufig erreicht. Mehr als ein Drittel aller Personen, die oft unter heißen Bedingungen arbeiten, müssten mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen rechnen, heißt es in dem Report. Sie reichen von vergleichsweise milden Konsequenzen, wie sie die Fukushima-Arbeiter erlebten, bis zu ernsten Gesundheitsproblemen. Dazu gehören der lebensbedrohliche Hitzschlag, bei dem die Körpertemperatur auf über 40 Grad Celsius ansteigt, starke Dehydrierung und langfristige Nierenschäden. Im Jahr 2020 lebten laut dem Bericht schätzungsweise 26 Millionen Menschen mit einer chronischen Nierenerkrankung, die auf Hitzestress am Arbeitsplatz zurückzuführen ist.
Zusätzlich löst ein schweißtreibendes Klima oft auch Stress, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme aus. Studien deuten darauf hin, dass sehr warme Umgebungen die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, um etwa zehn Prozent verschlechtern. In gleichem Maße lassen psychomotorische Leistungen nach, wobei Reaktionen und Bewegungen sowohl langsamer als auch weniger akkurat ausfallen. Das alles erhöht das Unfallrisiko.
Der Schutz der Arbeitnehmer ist auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit
Oft kommen zur Hitze noch weitere Gefahren hinzu, die sich gegenseitig verstärken können. Der Bericht nennt Luftverschmutzung, Staubbelastungen und UV-Strahlung als Beispiele. So atmen Menschen, die in der Hitze aktiv sind, schneller, was mehr Schadstoffe in ihre Atemwege befördern kann.
Die Autoren fordern daher, Arbeitnehmer weltweit besser zu schützen. Die üblichen Warnungen und Hitzepläne für die breite Bevölkerung seien für den Arbeitssektor nicht ausreichend. Es brauche vielmehr angepasste Schutzprogramme für belastende Arbeitsplätze. Sie können Maßnahmen umfassen wie mehr Schattenspender, Klimaanlagen oder Ventilatoren am Arbeitsort. Zusätzlich sollten kühle Pausenräume, Waschräume und saubere Toiletten sichergestellt werden, denn ohne ausreichende WCs neigten Arbeitnehmer dazu, zu wenig zu trinken. Körperliche Belastungen sollten nach Möglichkeit reduziert werden, indem etwa Arbeitszeiten flexibel geändert, längere Pausen ermöglicht oder mehr Wechsel zwischen anstrengenderen und ruhigeren Tätigkeiten eingeführt werden. Ersthelfer in Betrieben sollten für Hitzeprobleme geschult sein, manche Kleiderordnung sollte überdacht werden.
Letztlich ist das alles nicht nur im Sinne der Arbeitenden. Sind erst einmal 20 Grad erreicht, lässt jedes weitere Grad die Produktivität um zwei bis drei Prozent fallen. „Der Schutz der Arbeitnehmer vor extremer Hitze ist nicht nur eine gesundheitliche Aufgabe, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit“, sagte Ko Barrett.

