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Corona-Klarsichtmasken:Durchblick ja, Schutz nein

honorarfreies Pressebild zu Studie zu Klarsichtmasken an der Hochschule München

So breiten sich Aerosole bei Ausatmen unter einer Plastikmaske aus. Die Versuchsperson atmet dabei gleichmäßig durch die Nase aus, ohne sich zu bewegen oder zu sprechen.

(Foto: Christian Schwarzbauer/Hochschule München)

Die populären Klarsichtmasken vor Mund und Nase halten kaum infektiöse Partikel zurück. Mitunter können sie die Gefahr sogar vergrößern.

Von Werner Bartens

Die Jauche wurde ungenau verteilt, außerdem waren die Emissionen zu hoch. Deswegen ist der "Prallteller" inzwischen verboten, von dem die Gülle aus dem Fass in hohem Bogen auf Äckern versprüht wurde. Während die flüssigen Exkremente in der Landwirtschaft nicht mehr auf diese Weise verbreitet werden dürfen, erfreut sich das Prinzip "Prallteller" als Gesichtsbedeckung in der Pandemie einiger Popularität. Unter dem Begriff "Klarsichtmasken" gibt es diverse Modelle. Das durchsichtige Plastik wird vor Mund und Nase angebracht, lässt jedoch einen Spalt von einem bis zu mehreren Zentimetern zwischen Gesicht und Maske frei.

Ähnlich dem Prallteller trägt der Plastikschutz offenbar dazu bei, Sprühwolken zu verteilen, statt dies zu verhindern. Aerosole und Speicheltröpfchen fliegen munter umher. Diese Schlussfolgerung lässt sich aus einer Untersuchung von Medizintechnikern der Hochschule München ziehen. Das Team um Christian Schwarzbauer hatte Klarsichtmasken in "typischen Alltagssituationen berücksichtigt, wie man sie häufig in Schulen, Kitas, Büros oder auch in öffentlichen Verkehrsmitteln vorfindet", so die Forscher.

Hohe Aerosolkonzentrationen trotz Maske

In einem ersten Setting atmeten Freiwillige mit Klarsichtmaske im Sitzen aus. Zwar strömte das Aerosol zunächst entlang des Körpers nach unten, so wie es in der Werbung der Hersteller angegeben wird. Nur zwei Sekunden später wurde die Partikelwolke jedoch nach vorne umgelenkt und umnebelte die Probanden. Wer gegenüber sitzt, wäre dem ausgeatmeten Aerosol unmittelbar ausgesetzt. Nach acht Sekunden befand sich das Aerosol bereits über dem Kopf der Versuchsperson, weil die ausgeatmete Luft wärmer ist und nach oben steigt - eine geringe Verzögerung gegenüber der Situation ohne Maske.

Während der zweiten Versuchsanordnung ging ein Proband hustend durch den Raum, während er Klarsichtmaske trug. Schnell breitete sich die entstandene Aerosol-Wolke im Raum aus. Wer hinter oder neben dem Hustenden saß, war "hohen Aerosolkonzentrationen ausgesetzt, vor allem im Bereich des Gesichts und Oberkörpers", konstatieren die Wissenschaftler. Eine solche Situation ist typisch für Schulen oder Einrichtungen zur Kinderbetreuung sowie in Restaurants.

Schon im Sommer und Frühherbst wurden Visiere vielerorts in der Öffentlichkeit untersagt. Seitlich im Bereich der Wangen und nach unten lassen sie Aerosole nahezu ungehindert durch und lenken den womöglich infektiösen Sprühnebel aus der ausgeatmeten Luft in die Umgebung. Wer solche Visiere trägt und dabei steht oder geht, während andere sitzen, kann leicht Viren verbreiten, statt davor zu schützen. In Schulen, Kitas und Gaststätten, aber auch beim Friseur wäre eine solche Situation gegeben, oftmals auch im öffentlichen Nahverkehr. Zulässig sind solche Visiere weiterhin für medizinisches Fachpersonal, dass sich nicht nur mit Masken, sondern oftmals zusätzlich mit der Plastikbarriere vor einer Infektion zu schützen versucht.

Dass Klarsichtmasken bequemer sind als Alltagsmasken aus Stoff oder mit FFP-Filter, ist naheliegend. Zudem sind darunter Gesicht und Mimik besser zu erkennen. Die Verbreitung von Viren wird so allerdings nicht verhindert. "Ohne Zweifel sind diese Masken angenehm zu tragen, einen wirksamen Schutz vor Infektionen bieten sie allerdings nicht", sagt Schwarzbauer. Umso überraschender, dass gemäß der Infektionsschutzmaßnahmenverordnung in Bayern, auch Masken dieser Art als Mund-Nase-Bedeckung bezeichnet werden können. Diverse Institutionen und dort Beschäftigte haben sie bereits angeschafft.

Mediziner raten von der Verwendung ab

Das Bayerische Gesundheitsministerium hat Ende September erklärt, dass Klarsichtmasken "die Definition ,Mund-Nasen-Bedeckung' erfüllen und entsprechend verwendet werden können". Eine Freigabe oder Empfehlung war das zwar nicht. Das Infektionsschutzrecht gebe Bereiche vor, in denen Maske - unabhängig von der Gefährdung - zu tragen sei. Insofern "können auch Mund-Nasen-Bedeckungen aus Klarsichtmaterial verwendet werden, die nicht hundertprozentig umlaufend und bündig an der Haut anliegen" und dürfen als Ersatz zur Community-Maske verwendet werden.

Angesichts der Untersuchung der Hochschule München sollte die Maskenfrage womöglich präzisiert werden. "Derzeit findet eine intensive und kritische Befassung mit dem Thema statt", teilt das Ministerium auf Anfrage mit. "Vor allem in geschlossenen Räumen, zum Beispiel in Schulen, Kitas, Büros oder öffentlichen Verkehrsmitteln, ist von der Verwendung solcher Masken dringend abzuraten", sagt der Mediziner Christian Hanshans von der Hochschule München, der an der Studie beteiligt war.

© SZ
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