Kinderkrankheiten:Schwere Verläufe bei Windpocken möglich

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"Theoretisch könnte das Risiko für Zoster steigen", schrieb die Stiko schon 2004. Warum hielt sie es trotzdem für nötig, die Windpocken-Impfung zu empfehlen? Sie argumentierte mit schweren Krankheitsverläufen. Tatsächlich können Windpocken auch Entzündungen auslösen, die in seltenen Fällen auf die Hirnhäute, die Lunge oder andere Organe übergreifen. Erwachsene können unter schwereren Verläufen leiden, die im Einzelfall tödlich enden. Und Schwangere können ihr Baby verlieren, wenn sie sich mit Windpocken anstecken. Risikogruppen wurde die Impfung deshalb ohnehin schon empfohlen: Erwachsenen etwa, die als Kind noch keine Windpocken durchgemacht hatten, oder Frauen mit Kinderwunsch.

In Deutschland wurden laut Statistischem Bundesamt zum Zeitpunkt der Impfempfehlung pro Jahr zwei bis drei von 100.000 Personen mit Windpocken im Krankenhaus behandelt, in Amerika drei. In ihrer Begründung der Impfempfehlung zitierte die Stiko 2004 überraschend hohe Zahlen: In bis zu 5,7 Prozent der Windpockeninfektionen komme es zu Komplikationen. Die Zahl stammte allerdings aus einer methodisch fragwürdigen Telefonumfrage - finanziert vom Impfstoffhersteller Glaxo Smith Kline.

Tatsächlich könnte die Impfung schwere Verläufe verhindern, wenn sie dauerhaft schützt oder ständig erneuert wird. Falls der Schutz aber irgendwann nachlässt, erkranken zwar weniger Menschen im Kindesalter, mehr von ihnen aber als Erwachsene - also zu einem besonders gefährlichen Zeitpunkt. Die Empfehlung wurde 2009 bereits von einer auf zwei Impfdosen erweitert. Wie lange danach ein Schutz besteht, kann laut Stiko "noch nicht ausreichend beantwortet werden".

Für die gesetzlichen Krankenkassen erhöhen Nachimpfungen die Kosten, bei etwa 115 Euro liegt der Preis für zwei Dosen. Und sie steigern die Gefahr, dass Nebenwirkungen auftreten: Die verfügbaren Präparate Varilrix von Glaxo Smith Kline und Varivax von Sanofi Pasteur MSD sind Lebendimpfstoffe. Sie enthalten eine abgeschwächte Variante des Virus und können schwere Komplikationen auslösen. Nach der Impfung mit Varivax wurden unter anderem Lungenentzündungen, Entzündungen des Gehirns und Herpes Zoster beobachtet. Das ist allerdings erheblich seltener der Fall als bei einer echten Infektion.

Brigitte Keller-Stanislawski ist am Paul-Ehrlich-Institut zuständig für die Überwachung der Arzneimittelsicherheit. "In der Verträglichkeit der Impfung liegt nicht das Problem", sagt sie, "eher in der Frage nach ihrem langfristigen Nutzen." Eine Frage, die sich umso dringender stellt, wenn aus einer empfohlenen Impfung erst zwei und bald schon drei geworden sein könnten.

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