bedeckt München 21°

Kinderherzchirurgie:Ist es gerecht, in Afrika Gott zu spielen?

Wie lebt es sich mit dieser Schuld? Ist es gerecht, in Mosambik Gott zu spielen, einigen Kindern mit einer Operation das Leben zu retten und andere sterben zu lassen? Ist das Leben eines Menschen vorbestimmt? Welches Leben ist überhaupt lebenswert?

In seinem Buch "In der Mitte schlägt das Herz", das bei Rowohlt erschienen ist, gibt Prêtre sehr persönliche Antworten auf diese Fragen. Überraschend offen schreibt er über seine Arbeit auf dem Hochseil, seine Fehler und seine Selbstzweifel.

Er wuchs auf einem Hof auf. Eigentlich wollte er Bauer werden. Oder Fußballprofi

All diese Fragen jedoch bleiben draußen, wenn der Mediziner "in den Block" geht. An der Schleuse zum Operationstrakt reinigt Prêtre nicht nur seine Hände, sondern auch seinen Kopf. Gedanken über Schuld und Gerechtigkeit lässt er mit seinem Sakko in der Umkleide zurück. Zum Operieren braucht er ein Gehirn, das auch dann noch klar und räumlich denken kann, wenn Herztöne plötzlich ab- oder Lungenflügel zusammenfallen. Nur sein Handy nimmt er mit. Darin immer gespeichert: die Nummer der bangenden Eltern.

Medizingeschichte

Annalen der Aufschneider

Wäre es nach ihm gegangen, hätte er sich um all diese Fragen nie Gedanken machen müssen. Aufgewachsen auf einem Hof im Schweizer Jura mit sechs Geschwistern, wollte er Bauer werden. Oder Fußballprofi. Kurz vor dem Abitur machte ihn ein Freund auf die ablaufende Bewerbungsfrist für einen Medizinstudienplatz aufmerksam. Prêtre wollte keine Chance verpassen, bewarb sich, wurde genommen.

HERZOPERATION, HERZ, SPITZENMEDIZIN, HERZCHIRURGIE, CHIRURGIE, KINDERHERZCHIRURGIE, KARDIOVASKULARCHIRURGIE, KISPI, KINDERSPITAL, PAEDIATRIE, KINDERCHIRURGIE, KRANKENHAUS, CHIRURGEN INFUSIONSSCHLAUCH, INFUSIONSSCHLAEUCHE, BEATMUNG, BEATMUNGSSCHLAUCH,

Frühchen operiert der Schweizer erst, wenn sie mindestens 1,5 Kilogramm wiegen.

(Foto: Bally/Keystone Schweiz/laif)

Wenn du Herzchirurg werden willst, musst du zehn Jahre lang zehn Stunden am Tag operieren. Diesen Rat gab dem jungen Assistenzarzt Prêtre einst ein erfahrener Kollege in New York. Damals hielt er es für übertrieben. Inzwischen weiß er: Der Mann hatte recht. Die Müdigkeit ist zu seinem treuesten Begleiter geworden. Er bleibt nicht stehen, wenn er sich setzen kann. Er bleibt nicht sitzen, wenn er sich hinlegen kann. Er bleibt nicht wach, wenn er dösen kann. Jede Minute Schlaf zählt - oft jedoch wird er vom Handy aus dem Schlaf gerissen. Lange hat er sich vor jedem Anruf gefürchtet. Zu oft war das Klingeln die Ouvertüre einer Tragödie.

Auch der schwerste Moment in seiner Karriere begann mit einem Anruf: "René, komm schnell, das Mädchen blutet sehr stark." Er war gerade nach Hause gegangen, um sich zu duschen. Die ganze Nacht hatte er einen Jugendlichen operiert, der bei einem Autounfall verunglückt war. Weil er zu müde gewesen war, hatte er einen Kollegen gebeten, die OP am Morgen zu übernehmen, ein kleines Loch im Herzen eines zweijährigen Mädchens, nichts Schwieriges.

Von zu Hause, einen halben Kilometer entfernt, rast er in die Klinik, doch als er ankommt, ist das Mädchen bereits tot. "Alle im Operationssaal waren dem Zusammenbruch nahe", erinnert sich Prêtre. "Wenn ich nur daran denke, sind die Schuldgefühle und der Schmerz sofort wieder da." Diese quälende Erinnerung, er würde sie am liebsten abschütteln wie ein Hund das Wasser, sie loswerden, ein für alle Mal. Mit brüchiger Stimme fährt er fort: "Wir haben den Tod eines Kindes verursacht, das ohne uns noch länger hätte leben können."