Stiko-Empfehlung:Gesunde Kleinkinder brauchen keine Covid-Impfung

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Stiko-Empfehlung: Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Corona-Impfung für Kleinkinder nur bei bestimmten Vorerkrankungen oder Risikofaktoren.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Corona-Impfung für Kleinkinder nur bei bestimmten Vorerkrankungen oder Risikofaktoren.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Für Kinder zwischen sechs Monaten und vier Jahren ist eine Impfung nur dann ratsam, wenn sie zu einer Corona-Risikogruppe gehören. Das hat die Stiko jetzt bekannt gegeben.

Von Michael Brendler

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat sich dagegen entschieden, gesunden Kleinkindern eine Impfung gegen Covid-19 zu empfehlen. Für ratsam hält die Stiko die Impfung nur für eine ganz bestimmte Gruppe von Jungen und Mädchen im Alter von einem halben bis vier Jahren, hat sie am Donnerstag bekannt gegeben. Dies sind Kinder, die ein besonders hohes Risiko für Covid-19-Komplikationen besitzen, weil sie zum Beispiel unter starkem Übergewicht, einer Immunschwäche, einer chronische Nieren- oder schweren Lungenerkrankung leiden. Laut dem Kinderarzt und Gremium-Mitglied Martin Terhardt zählen zu dieser Gruppe rund zehn Prozent aller Kleinkinder.

Geändert wurde auch die Empfehlung für Fünf- bis Elfjährige. Ihnen wird zwar weiterhin zur einmaligen Impfung geraten, bislang wurde allerdings Kindern, die engen Kontakt zu erwachsenen Risikopersonen haben, eine doppelte Dosis nahegelegt. Das hält die Stiko nicht mehr für notwendig: "Wir wissen jetzt, dass bei Omikron der Schutz vor einer Übertragung des Virus sehr viel geringer ist", so Terhardt auf einer Pressekonferenz des deutschen Science Media Centers. Deshalb könne man sich nicht darauf verlassen, dass eine Impfung von Kindern zum Schutz vulnerabler Personen beiträgt.

Notwendig geworden war die Überarbeitung der Impfempfehlung durch die europäische Zulassung des Kleinkinder-Impfstoffes Mitte Oktober. Älteren Jungen und Mädchen hatte die Stiko bereits im Mai eine Impfung empfohlen - unabhängig davon, ob sie Risikofaktoren für einen schweren Verlauf besitzen.

Seit die Omikron-Variante vorherrscht, tritt auch Long Covid seltener auf

Seitdem hat sich laut Ansicht der Experten aber die Lage erheblich geändert: Durch Omikron habe die Belastung deutlich abgenommen, sagt Martin Terhardt. Im Vergleich zu früheren Pandemiephasen gibt es zum Beispiel weniger Kinder, die mit einer Corona-Infektion ins Krankenhaus müssen. 127 waren es seit Anfang Oktober, hat die Fachgesellschaft für Pädiatrische Infektiologie aus den Angaben von zwei Dritteln aller deutschen Kinderkliniken errechnet. Und von diesen sei die Hälfte eigentlich wegen anderer Probleme ins Krankenhaus gekommen, sagt der Stiko-Vorsitzende, der Virologe Thomas Mertens. Auch Long Covid trete weniger häufig auf, seitdem Omikron unterwegs ist, berichtete die Infektiologin Clara Lehmann von der Uniklinik Köln auf der Pressekonferenz.

Deutlich zurückgegangen ist auch die Zahl der Kinder, die am Pädiatrischen Inflammatorischen Multisystem-Syndrom, kurz PIMS, erkranken - einer weiteren gefürchteten Covid-Komplikation bei Minderjährigen. Gerade diese potenziellen Langzeitprobleme waren für viele Ärzte bisher ein maßgeblicher Grund dafür, Eltern die Impfung ihres Nachwuchses zu empfehlen.

Mit zu dieser positiven Entwicklung beigetragen hat sicherlich auch der bessere Immunschutz der Kinder. Laut Terhardt haben rund 90 Prozent aller Minderjährigen schon eine Infektion erlebt. Jedes fünfte Kind zwischen fünf und elf Jahren ist geimpft.

Wer seine Kinder dennoch impfen lassen möchte, kann das weiterhin tun

Dem gegenüber stehen die potenziellen Risiken der Kleinkinder-Impfung. Die werden von der Stiko zwar als gering eingeschätzt: "Aus den Zulassungsstudien wissen wir, dass die Verträglichkeit sogar eine kleines bisschen besser ist als in anderen Altersgruppen", sagt Terhardt. Aber noch gebe es zu wenig Daten, um die Wahrscheinlichkeit von selteneren Problemen abzuschätzen.

Kleinkinder besitzen noch kein ausgereiftes Immunsystem, auch das gehört zu den Unbekannten, mit denen die Stiko jetzt arbeiten musste. Das Gremium habe sich deshalb dafür entschieden, die Empfehlung auf die Kinder zu beschränken, die ein besonders großes Risiko für die Komplikationen von Covid-19 besitzen, erklärt Terhardt. Für die Impfung soll vorzugsweise der Comirnaty-Kinder-Impfstoff verwendet werden (3 Impfstoffdosen, je 3 μg, im Abstand von mindestens 3 und 8 Wochen zur jeweils vorangegangenen Impfung). Alternativ kann der Kinder-Impfstoff Spikevax verwendet werden (2 Impfstoffdosen, je 25 μg, im Abstand von mindestens 4 Wochen). Dieser ist jedoch in der für Kleinkinder vorgeschriebenen Dosierung in Deutschland derzeit nicht verfügbar.

Eltern, die ihre Kinder freiwillig impfen lassen möchten, will die Stiko dennoch keine Steine in den Weg legen: Wenn Eltern diese Impfung für ihre gesunden Kinder möchten, so Martin Terhardt, "dann gibt es für den betreuenden Arzt oder die Ärztin keinen Grund, Nein zu sagen, auch aus juristischer Sicht". Er müsse das dann mit den Familien beraten und ergebnisoffen diskutieren.

Die Spritze für die unter Fünfjährigen enthält nur drei Mikrogramm des Biontech-Impfstoffs, Kindern zwischen fünf und elf Jahren wird eine Zehn-Mikrogramm-Dosis gegeben. Wegen der geringeren Wirksamkeit der kleineren Dosen erhalten Kleinkinder insgesamt drei Spritzen.

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