Keine Angst vor der Spritze Den Schmerz im Blick

Gerade wer Angst hat vor der Spritze sollte zuschauen, wenn der Arzt die Nadel ansetzt. Die Sache wird nämlich erträglicher, wenn man genau hinsieht.

Von Werner Bartens

Beim Arzt kommt es immer wieder zu ähnlichen Szenen: Der Patient tritt dem Doktor angespannt gegenüber und entblößt seinen Arm, den Allerwertesten oder andere Körperpartien. In banger Erwartung der Impfungen, Infusionen oder Blutentnahmen wenden die meisten Patienten jedoch den Blick ab, bevor der Arzt zusticht. Doch statt Protestplakate gegen die Gesundheitsreform oder die Bücherregale in der Praxis anzustarren, während sich die Nadel durch die Haut bohrt, sollten Patienten der Bedrohung lieber ins Auge sehen. Das dämpft den Schmerz und macht den Einstich erträglicher. "Den eigenen Körper anzuschauen, ist schmerzlindernd", sagt die Neuroforscherin Flavia Mancini von der Universität London.

Patienten sollten dieser Bedrohung ins Auge sehen. Das dämpft den Schmerz und macht den Einstich erträglicher.

(Foto: dpa)

Das Team um Mancini berichtet im Fachblatt Psychological Science erstaunliche Ergebnisse. Die Forscher hatten Freiwillige mit Hitzereizen am Handrücken traktiert, die sich kontinuierlich um zwei Grad pro Sekunde steigerten. In der Schmerzforschung gilt diese Tortur als Gradmesser dafür, wie stark Pein - etwa durch Spritzen - empfunden wird. Probanden, die ihre Hand ansahen, während die Wärmesonde auf maximal 50Grad Celsius aufheizte, hielten mehr als drei Grad höhere Temperaturen aus als jene Teilnehmer, deren Hände verdeckt waren und die stattdessen einen neutralen Gegenstand, in diesem Fall einen Holzklotz, ansahen.

"Kindern wird immer geraten, sie sollen wegschauen, wenn sie eine Spritze kriegen oder Blut abgenommen bekommen", sagt Schmerzforscher Patrick Haggard. "Ich würde ihnen stattdessen empfehlen, auf ihren Arm zu schauen und sich - wenn möglich - vorher nicht die Spritze anzusehen." Peter Henningsen, Chefarzt der Psychosomatik an der Technischen Universität München, rät kurz und knapp: "Guck hin beim Stich, guck weg, wenn das Blut kommt."

Wie intensiv der Schmerz empfunden wird, hängt stark von den begleitenden Gefühlen und der Erwartungshaltung ab. Wer nach einer durchzechten Nacht morgens eine Schmerztablette schluckt, spürt augenblicklich Linderung - auch wenn die Arznei noch gar nicht dort im Körper angekommen sein kann, wo sie ihre Wirkung entfaltet. Sieht man ein Bild vom geliebten Partner oder von einem guten Freund, peinigen Schmerzen deutlich weniger als wenn das Bild eines Unbekannten betrachtet wird.

Angst und Niedergeschlagenheit verstärken die Schmerzwahrnehmung, unbekümmerte Zufriedenheit und Ablenkung dämpfen sie. "Wenn ich bei der Spritze hinsehe, heißt das, ich bin stark genug, mich zu stellen und es auszuhalten", sagt Henningsen. "Ich habe dann ein Gefühl von Kontrolle und diese Aufmerksamkeit für den eigenen Körper lindert den Schmerz." Umgekehrt drückt Wegsehen aus, dass man sich schwächer fühlt und es nicht gut aushält - entsprechend heftiger wirkt die Pein.

Die Wissenschaftler aus London haben entdeckt, dass der Anblick des eigenen Körpers umso schmerzlindernder wirkt, je größer er erscheint. Wurde die betrachtete Hand im Spiegel vergrößert, waren die Probanden unempfindlicher. Flavia Mancini leitet daraus Hoffnung für neue Behandlungsformen ab. "Viele Psychotherapien konzentrieren sich ja nur auf die Ursache der Schmerzen und haben den Körper zu wenig im Auge", sagt die Forscherin. Wer den Schmerz in den Blick nimmt, so scheint es, kann ihn besser bewältigen und das erleben, was das schönste am Schmerz ist - wenn er endlich nachlässt.