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Kampf gegen Ebola:Für Pharmafirmen ist die Entwicklung einer Ebola-Arznei nicht lukrativ

Die häufigste Erklärung lautet, es sei schlicht zu teuer. Pharmafirmen nennen eine Summe von bis zu einer Milliarde Euro: So viel würde es kosten, einen Wirkstoff gegen die Infektion zu entwickeln; aber ohne Garantie, dass der Wirkstoff das Leiden beenden kann. Und diese Krankheit, die bis zum Freitag mindestens 1700 Menschen befallen und vermutlich mehr als 1000 getötet hat, tritt dann doch zu selten auf, als dass sich der Aufwand für die Pharmakonzerne lohnte.

So kalt wird kalkuliert, wenn die Entwicklung eines Produkts fast völlig den Gesetzen der Marktwirtschaft überlassen ist. Die Realität entspricht eben nicht dem Kino, wo engagierte Staatsdiener um die halbe Welt fliegen, um in öffentlich finanzierten Hightech-Einrichtungen potente Gegenmittel zu entwickeln, und zwar so schnell, wie es nur geht.

Als bittere Ironie kommt im Fall von Ebola hinzu, dass es schon seit Ende der 1990er-Jahre mehrere Medikamente und sogar zwei Impfstoffe gegen den Erreger gibt. Es gibt sie nicht zuletzt deshalb, weil er von den amerikanischen "Centers for Disease Control" als mögliche Biowaffe eingestuft und auch von der US-Armee erforscht wurde. Antikörper, Medikamente, Impfstoffe, sie sind alle längst im Reagenzglas und sehen teils auch vielversprechend aus. Sie sind nur noch nicht nach den strengen Standards westlicher Zulassungsbehörden geprüft. Und deshalb unerreichbar für die Todkranken.

Es gibt eine Arznei. Zwei Helfern aus den USA wurde sie angeboten

Zumindest für die in Afrika. Als zwei infizierte amerikanische Helfer vor einigen Tagen in ihre Heimat ausgeflogen wurden, bekamen sie einen Antikörpermix, der mit staatlicher Unterstützung von einem Biotech-Unternehmen in Kalifornien entwickelt worden war. Auch diese Arznei war nie zuvor an Menschen getestet worden, deshalb ist sie für eine Behandlung nicht zugelassen. Es weiß auch niemand, wie gut sie eigentlich hilft. Aber zumindest ist da etwas, das man Patienten anbieten kann, wenn sie in Lebensgefahr schweben.

Aber warum nur Amerikanern und Westeuropäern? Wer die Wahl zwischen dem wahrscheinlichen Tod und einer Doch-noch-Chance auf Überleben hat, muss weder in Amerika noch in Deutschland aufgewachsen sein, um zu verstehen, dass es nun keine große Wahl mehr gibt. Es geht darum zu handeln - aber vor allem in Afrika, weniger in Amerika. Der zweifache Pulitzerpreisträger Nicholas Kristof hat in der New York Times allen Ernstes dazu aufgerufen, Krankheiten wie Ebola nicht als humanitäres Problem in fernen Entwicklungsländern zu betrachten, sondern als eine Frage nationalen Interesses. Dieses Interesse bestehe darin, die Seuche vom eigenen Land fernzuhalten.

Was für ein überflüssiger Patriotismus. Experten haben in den vergangenen Wochen immer wieder erklärt, dass sich Ebola in den Industrienationen nicht ausbreiten kann, selbst dann nicht, wenn einzelne Ebola-Patienten gezielt eingeflogen werden oder auch unvermutet hier ankommen. Ebola betrifft deshalb nicht die nationale Sicherheit Deutschlands oder der USA, es geht allein um Menschen, die anderswo sterben und denen man durchaus helfen könnte.

Es ist deshalb an der Zeit, auch einmal über die Kultur dieses Helfens nachzudenken. Darüber, ob die eigene Überheblichkeit oder der patriotische Eifer nicht auch kulturelle Hürden sind. Die WHO hat jetzt immerhin einen kleinen Schritt in die richtige Richtung gemacht und Ethik-Experten ins Ebola-Gebiet geschickt. Man will prüfen, ob die zurückgehaltenen Medikamente vielleicht doch zu den Patienten gebracht werden können. Damit die Hilfe endlich ankommt.

Ebola

Chronik eines beispiellosen Ausbruchs

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