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Kampf gegen die Masern:Ostdeutschland hat die Masern fast besiegt

In Deutschland gibt es klare geografische Unterschiede: "In Ostdeutschland sind die Masern fast verschwunden", sagt Wichmann. "Unser Problem ist Süddeutschland." Dort gebe es Gegenden, etwa um anthroposophische Schulen herum, in denen die Impfraten niedrig seien. Aber auch einzelne Ärzte, die ihren Patienten von der Impfung abrieten, könnten einen großen Effekt haben. "Das Gesundheitspersonal hat immense Verantwortung", sagt Sprenger - und betont, dass das ECDC versuche, Ärzte und Krankenpfleger stärker einzubinden. Dazu gehöre auch, dass Ärzte geimpft sein sollten, sagt Wichmann. In einem Fall in München wurde im vergangenen Jahr ein junger Mann auf einer Krebsstation mit Masern infiziert und starb. "Wer nicht geimpft ist, sollte zumindest nicht auf der Intensiv- oder Krebsstation arbeiten dürfen, wo besonders gefährdete Patienten sind", fordert der RKI-Experte.

Es gibt auch banalere Gründe, warum manche Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen, sagt Wichmann: "Einer der häufigsten ist, dass sie es vergessen, oder keine Zeit haben." WHO-Experte Butler regt an, Eltern mehr Möglichkeiten zu bieten, Kinder außerhalb der Arbeitszeiten impfen zu lassen - oder Arbeitgeber zu ermutigen, Angestellten dafür freizugeben. "Wir führen dieses unfassbar schnelle Leben, aber Impfkampagnen haben sich nicht geändert." Meist handele es sich noch immer um Poster, Broschüren, Sticker. "Aber ein Sticker ändert nichts, wenn jemand keine Zeit hat."

Den meisten dieser Probleme mussten allerdings auch die amerikanischen Länder begegnen. Und so bleibt es ein Rätsel, warum Länder wie Guatemala, Peru und Bolivien erreicht haben, was in Großbritannien, Portugal oder Deutschland nicht zu schaffen scheint. Für Diane Griffin ist die Antwort klar: In den USA und vielen anderen Ländern in Amerika müssen Kinder nachweisen, dass sie gegen Masern geimpft sind, ehe sie in die Schule können. "Es gibt keinen Grund zu glauben, dass wir nicht dieselben Probleme in Amerika hätten, wenn die Impfung nicht Pflicht wäre", sagt Griffin. "Das ist wie mit Ihrem Auto. Wenn Sie niemand zwingen würde, dass Sie es alle paar Jahre zur Inspektion bringen, würden Sie es auch nicht tun."

Tatsächlich erlaubt das deutsche Infektionsschutzgesetz ähnliche Maßnahmen, sind die Masern erst mal ausgebrochen. So wurden bei einem Masernausbruch in Berlin im Mai alle Schüler, die nicht geimpft waren oder das nicht nachweisen konnten, für zwei Wochen nach Hause geschickt. Sprenger, Wichmann und andere Experten sind sich jedoch einig, dass eine Impfpflicht in Europa schwer durchzusetzen wäre. Solange es möglich sei, die Masern auch anders zu besiegen, sei eine Impfpflicht auch ethisch schwer zu vertreten, sagt Dorothea Matysiak-Klose vom RKI. "Durch zusätzliche Aktionen in Schulen, Berufsschulen und Krankenhäusern könnte man noch sehr viel erreichen", sagt sie. "Aber die Gesundheitsämter haben häufig nicht die Ressourcen, und viele Politiker sehen keine große Relevanz darin, sich um die Masern zu kümmern."

Es sei eine Tragödie, dass die Länder der Ersten Welt vergessen hätten, wie wichtig Impfungen sind, sagt Seth Berkley, Leiter der internationalen Impfstoffallianz GAVI. "Meine Frau hat die Intensivstation eines großen Krankenhauses in New York geleitet, aber nie auch nur einen Fall von Masern gesehen. Ich bin in einem Flüchtlingslager gewesen und habe die Masern durchkommen sehen und jeden Tag die kleinen Gräber all der Babys, die beerdigt wurden. Das vergisst man nicht."