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Kabinett der Kalamitäten:Ohren, die im Flieger schwächeln

Ohrenschmerzen beim Fliegen

Etwa 20 Prozent aller erwachsenen Fluggäste haben Probleme mit Ohren.

(Foto: Illustration: Dalila Keller)

Der Körper ist ein Wunderwerk - und verwundert uns täglich aufs Neue. Er produziert seltsame Geräusche, Gerüche, Ticks, Besessenheiten und Beschwerden. Hält sich aber gerne bedeckt, wenn man fragt: Wo kommt das her? Und vor allem: Wie geht das wieder weg? Eine Serie über Alltags-Misslichkeiten. Teil 4: Ohrenprobleme beim Fliegen.

Wenn Sie nach der Landung am Urlaubsort nichts mehr verstehen, muss das nicht unbedingt daran liegen, dass der innovative Sprach-Crashkurs doch nicht so erfolgreich war wie angepriesen. Nicht einmal der Jetlag muss schuld sein. Es könnte auch sein, dass Ihre Ohren Ihnen den Flug übel nehmen. Das Fliegen beschert etwa 20 Prozent aller Erwachsenen und 40 Prozent aller Kinder Schwierigkeiten mit dem Hörorgan: ein Druckgefühl, Tinnitus, vorrübergehende Schwerhörigkeit, mitunter Schwindel und zum Teil heftigen Schmerz. In einer Befragung britischer Forscher gaben sogar 84 Prozent an, schon einmal Ohrprobleme im Flugzeug erlebt zu haben. Gleichzeitig hatten 30 Prozent keinerlei Ahnung von den Hintergründen der Pein.

Das Problem ist folgendes: Der Mensch - und dies ist jetzt ausnahmsweise einmal wörtlich gemeint - steht in seinem Alltag gehörig unter Druck. Permanent lasten zehn Tonnen auf jedem Quadratmeter Körperoberfläche. Dass wir nicht längst platt gepresst sind, verdanken wir dem Umstand, dass im Inneren des Körpers ein ebenso hoher Druck herrscht und dagegenhält.

Das Druck-Gleichgewicht wird bedroht, wenn der Flieger rasch seine Höhe ändert und in Regionen mit schwächerem oder stärkerem Luftdruck vorstößt. Der Körper muss dann schnellstmöglich für einen Druckausgleich sorgen, was im Ohr ein bisschen schwierig sein kann, weil ihm für diese Aufgabe lediglich eine dünne Röhre zur Verfügung steht. Sie trägt den klangvollen Namen Ohrtrompete, ist aber nicht mal einen Millimeter breit, produziert Schleim und neigt zur Verstopfung. Gelingt es ihr nicht, die Druckverhältnisse anzugleichen, lastet Druck von einer Seite schmerzhaft auf dem Trommelfell.

Bei der Landung gestaltet sich der Druckausgleich aus anatomischen Gründen schwieriger als beim Start. Je schneller der Flieger sinkt, umso schwerer wird es. Passagiere leiden daher häufiger auf Kurzstrecken mit ihren steileren Landeanflügen. Erkältungen, die die Ohrtrompete mit Schleim verschließen, verschärfen das Problem.

Was den Druckausgleich fördert

Abhilfe bringt alles, was den Belüftungskanal öffnet: Dies sind - geordnet nach Eskalationsstufe:

  • Schlucken, Kauen, Gähnen: Niemand hat ausreichend untersucht, wie gut diese Methoden wirken, aber die Anatomie sowie etliche Beobachtungen sprechen dafür, dass sie hilfreich sind. Babys, die während der Landung trinken durften, weinten weniger als Säuglinge ohne diese Hilfe. Es kann daher sinnvoll sein, Getränke, Kaugummis oder Bonbons mit ins Flugzeug zu nehmen.
  • Das so genannte Valsalva-Manöver: Das Ganze ist schneller erledigt, als sich der Namen aussprechen lässt. Pressen Sie Mund und Nase zu und atmen Sie kräftig aus. In einer dänischen Studie schaffte knapp jeder Zweite damit den Druckausgleich.
  • Abschwellende Medikamente: Arzneien mit dem Wirkstoff Pseudoephedrin scheinen zu wirken. Er ist beispielsweise in den Präparaten Rhinopront und Aspirin komplex enthalten. Allerdings machen dies Medikamente recht benommen, was für den Urlaubsstart nicht unbedingt günstig ist. Kindern helfen die Präparate offenbar nicht. Auch abschwellende Nasentropfen haben keinen durchschlagenden Effekt bewiesen. Ihre Wirkung beschränkt sich auf Nase und Nebenhöhlen und reicht nicht bis ins Mittelohr.
  • Der Nasenballon: Er ist im Prinzip ein Luftballon, der durch ein Nasenloch aufgeblasen wird. Was aussieht, wie ein Kindergeburtstag, der gerade aus dem Ruder läuft, scheint tatsächlich den Druckausgleich zu erleichtern. Fast 70 Prozent der Passagiere, die mit dem Valsalva-Manöver keinen Erfolg hatten, brachte der Ballon Erleichterung. Wer sich trotzdem keinen Ballon in die Nase stecken möchte, dem bleibt bei milderen Beschwerden noch die bequemste Variante:

Warten. In aller Regel gehen die Beschwerden sehr schnell weg, wenn man wieder unter dem üblichen Druck am Boden steht.