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Japan:Das Vorsorge-Prinzip

The spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Japan

Corona-Test in Japan.

(Foto: ISSEI KATO/REUTERS)

Viele Menschen in Japan haben eine Tendenz zu Selbstschutz und Disziplin. Das ist hilfreich für die Bekämpfung der Pandemie. Aber auch eine spezielle Strategie zur Kontaktnachverfolgung zeigt offenbar Wirkung.

Von Thomas Hahn

Der japanische Premierminister Yoshihide Suga ist dieser Tage in sehr unterschiedlichen Rollen zu sehen. Mal als unerschütterlicher Optimist, der keine Bedenken wegen des Coronavirus zulässt. Dann wieder als verständnisvoller Landesvater, der die Corona-Sorgen ernst nimmt. Am Montag musste er beim Besuch von Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, erst die felsenfeste Überzeugung ausstrahlen, dass nächsten Sommer die Olympischen Spiele mit rund 11 000 Athleten aus aller Welt in Tokio stattfinden können. Später reagierte er mit tröstlichem Problembewusstsein auf den Umstand, dass Regional- und Stadtpolitik in Sapporo auf der Nordinsel Hokkaido wegen zu hoher Infektionszahlen eine Empfehlung zum Daheimbleiben gegeben hatten; Suga versprach finanzielle Hilfen für Läden und Restaurants, die wegen der Ansteckungsgefahr schließen müssen.

Die Virologen verstanden früh, dass nicht alle Infizierte andere anstecken

Für seine Glaubwürdigkeit sind solche Widersprüche nicht gut. Aber immerhin kann Suga darauf verweisen, dass Japans Pandemiebilanz trotz der herbstlichen Infektionswelle immer noch ganz gut aussieht. Rund 1900 Menschen sind in Japan bisher an Covid-19 gestorben - im Weltvergleich ist das sehr wenig. Woran das liegt? Nicht nur an einem klugen Anti-Virus-Konzept. Sondern auch an japanischer Lebenskultur und Vorsorgementalität.

Anfangs gab es viel Kritik an Japans Coronavirus-Politik, vor allem wegen der wenigen Tests. Gleichzeitig wunderte man sich, warum die erste große Coronavirus-Welle Japan später erwischte als andere. Erst nach geraumer Zeit enthüllte Shigeru Omi, der leitende Virologe im Coronavirus-Beirat der Regierung, das Prinzip der japanischen Coronavirus-Abwehr: Demnach identifizierten Experten früh die Art, wie sich das Virus verbreitet. Sie verstanden, dass nur wenige Infizierte mehrere Menschen anstecken und sogenannte Infektionscluster auslösen. Auf solche Infizierte konzentrierten sich die epidemiologischen Ermittlungen. Die Fahnder testeten nicht nur Kontaktpersonen solcher Infizierten. Sie verfolgten auch die Wege der Infizierten zurück, um mögliche Quellen für Infektionscluster auszumachen. Aus den Erkenntnissen entstand die nationale Sanmitsu-Kampagne. "San" heißt drei, "mitsu" Enge. Durch die Kampagne wissen alle, dass man Räume, Plätze und Situationen meiden soll, in denen Menschen zu engen Kontakt haben.

Mit relativ wenigen Tests erreichten Japans Coronavirus-Bekämpfer eine relativ träge Ausbreitung. "Dadurch verzögerte Japan den Höhepunkt des Ausbruchs und gewann Zeit, um sich darauf vorzubereiten", heißt es in einem offiziellen Informationspapier.

Aber ohne die Vorsicht der Menschen im Inselstaat wäre der Erfolg nicht möglich gewesen. Die japanische Tendenz zu Selbstschutz, Gehorsam und Hygiene ist für viele Ausländer gewöhnungsbedürftig. In der Pandemie ist sie ein Vorteil. Maske trug man hier schon vorher gegen Grippe oder Allergien. Umarmungen und Küsschen sind nicht verbreitet. Große Protestdemonstrationen? Keine. Japans Regierung kam während des siebenwöchigen Notstands im April und Mai ohne harten Lockdown aus. Und die Immunabwehr der Japaner scheint stark zu sein. Experten spekulieren darüber, dass dazu die Tuberkulose-Impfung beiträgt, die Japans Kleinkinder bekommen.

Auf die Disziplin im Volk kann sich Japans Regierung verlassen. Sie hat sogar damit zu kämpfen, wenn es darum geht, die Wirtschaft anzukurbeln. Es gibt Kritik an der staatlichen Go-to-Travel-Kampagne, die in Zeiten harter Einreisebeschränkungen den Fremdenverkehr unter Landsleuten fördern soll. Und von der Aussicht, dass 2021 Olympia kommen soll, sind viele Japaner gar nicht begeistert.

© SZ/cku

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