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iPad bei Sprachstörungen:Wischend zum Gespräch

Programme auf dem iPad können Kindern mit Sprachstörungen helfen, sich mitzuteilen. In Internetforen berichten Eltern voller Enthusiasmus von den technischen Hilfsmitteln. Doch nicht alle Apps taugen etwas. Mitunter verschärfen sie die Probleme nur.

Ohne das Computerwissen seines Vaters könnte sich Victor Pauca nicht ausdrücken. Der Junge aus North Carolina leidet an einer Erbkrankheit, dem Pitt-Hopkins-Syndrom. Es beeinträchtigt die geistige Entwicklung und damit oft, wie bei Victor, das Sprachvermögen. Also entwickelte Victors Vater Paul, Computerwissenschaftler an der Wake Forest University, eine App für das iPad. Mit ihrer Hilfe kann sich sein Sohn nun mitteilen, indem er Symbole für Gegenstände, Personen und einfache grammatikalische Strukturen antippt. Auch kleine Geschichten lassen sich mit dem Programm Verbal Victor erzählen - allerdings nur auf Englisch.

iPad hilft Behinderten

iPads helfen manchen Menschen mit Behinderungen oder Sprachstörungen.

(Foto: dpa)

Viele Eltern schwärmen in Internetforen davon, wie ihre Kinder dank der App aufgeschlossener werden, weil sie sich plötzlich ausdrücken können. Und nicht nur Verbal Victor kommt in den Bewertungen gut weg. Unübersichtlich viele weitere Apps für das iPad und Smartphones sind auf dem Markt. Sie wollen es Menschen erleichtern zu kommunizieren, die wegen einer Behinderung oder Krankheit nicht sprechen können. Auch für andere Formen körperlicher oder geistiger Einschränkungen verspricht die Welt der Apps Hilfe. Und es stimmt: Die richtigen Programme können Behinderten den Alltag erheblich erleichtern.

Für gehbehinderte Menschen gibt es Programme, die auf einer Karte anzeigen, welche Orte für Rollstuhlfahrer gut erreichbar sind. Wer als Rollstuhlfahrer eine Kneipe sucht, will auch wissen, wo Essen, Musik und Atmosphäre stimmen. Vor allem aber muss er wissen, ob am Eingang Stufen sind, ob zwischen den Tischen genug Platz für den Rollstuhl bleibt, und ob er die Toiletten benutzen kann.

Solche Informationen liefert etwa die Internetseite wheelmap.org, die auch eine App anbietet. Das Programm funktioniert nach dem Wikipedia-Prinzip und lässt sich in verschiedenen Sprachen nach rollstuhlgerechten Kneipen, Theatern, Schwimmbädern und Bibliotheken durchsuchen. Ähnlich funktionieren Programme, die rollstuhlgerechte öffentliche Toiletten und Tankstellen anzeigen.

Technisch gesehen sind solche Programme vergleichsweise simpel. Deutlich mehr müssen Apps leisten, die für die unterstützte Kommunikation gedacht sind. Sie sollen beispielsweise Menschen mit angeborenen Sprachstörungen Alltagsgespräche ermöglichen - und das sind erstaunlich komplexe Situationen.

Schon für Menschen mit leichtem Autismus beispielsweise gibt es kaum etwas Schwierigeres als ein normales Gespräch. Sie können oft nicht einschätzen, wie lange die Pausen in einem Gespräch üblicherweise dauern, wie viel Zeit sich ihr Gegenüber mit seiner Antwort lässt, und auch was Mimik und Körperhaltung zu bedeuten haben. So kann ein Gespräch schon daran scheitern, dass sie dem Gesprächspartner ständig ins Wort fallen oder ihn zu lange auf die Antwort warten lassen. Die meisten Programme für das iPad wurden für Kinder wie Victor entwickelt, die sich nie normal unterhalten konnten. Oft tun sie sich schwer, überhaupt mit anderen Kontakt aufzunehmen.

Forscher verstehen erst allmählich, welchen Einfluss die vermeintlichen Nebensächlichkeiten auf ein Gespräch haben. Kein Wunder also, dass Apps mit dieser Komplexität überfordert sein können. Eine einfache Bitte lässt sich leicht vermitteln, etwa: "Ich möchte einen Apfel essen." Es genügt, auf das entsprechende Symbol zu deuten - das Kind könnte allerdings auch einfach auf das Obst auf dem Tisch zeigen.