Internetabhängigkeit:Hirnveränderungen beim Spielen

Lesezeit: 4 min

"Die Sucht beginnt, wenn die virtuelle Welt das eigene Leben dominiert, die Gedanken nur noch um den Cyberspace kreisen, Hobbys und Freundschaften, ja selbst der Kontakt zur Familie dafür aufgegeben werden", sagt Rainer Thomasius ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Die Einrichtung therapiert im Jahr 1300 bis 1500 abhängige Kinder und Jugendliche, davon 300 Onlinesüchtige. Tendenz steigend.

"In Studien wurde eine erhöhte Aktivität des Suchtgedächtnisses während des Spielens nachgewiesen", sagt Thomasius. Dabei komme es zu einer verstärkten Ausschüttung des Hirnbotenstoffes Dopamin, der für das Belohnungssystem verantwortlich ist. "Der einzige Unterschied zu stofflichen Drogen ist, dass das Suchtgedächtnis nicht durch eine Substanz, sondern durch optische und akustische Eindrücke stimuliert wird", erläutert der Arzt.

In einer vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie werden rund 560.000 Menschen als internetsüchtig eingestuft. Weitere 2,5 Millionen fallen in die Kategorie der "problematischen Internetnutzer". Junge Nutzer bilden die größte Gruppe der Online-Süchtigen. So gelten der Erhebung zufolge zirka 250.000 der 14- bis 24-Jährigen als abhängig. Betroffen sind Mädchen und Jungen gleichermaßen. In der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen wurden sogar mehr Mädchen (4,9 Prozent) als Jungen (3,1 Prozent) als süchtig ermittelt. Während sich die weiblichen Nutzer vor allem im Sog der sozialen Netzwerke wie Facebook verlieren, kleben Jungs hauptsächlich für Online-Rollenspiele am Bildschirm.

Doch warum fühlen sich viele Kinder und Jugendliche so stark vom Internet angezogen? Studien weisen darauf hin, dass das Internet Usern ermöglicht, ihre Grundbedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit zu befriedigen, wenn ihnen die wirkliche Welt dies versagt. Psychologen sind sich einig, dass problematische, konfliktreiche und unbefriedigende Beziehungen im Familien- und Freundeskreis dazu beitragen, dass sich Jugendliche hinter den Bildschirm zurückziehen. Der Schweizer Psychologe und Suchtexperte Franz Eidenbenz sieht beispielsweise einen direkten Zusammenhang zwischen Bindungsstörungen und Online-Sucht.

Ein zusätzliches Suchtrisiko seien zudem bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. "Es gibt niemanden, der das Kriterium Computersucht erfüllt und nicht gleichzeitig noch andere psychische Störungen hat", betont Thomasius. Sozialphobische Störungen, Depressionen, ADHS oder massive Selbstwertprobleme können die Abhängigkeit vom PC begünstigen. Online-Rollenspiele, wie "World of Warcraft", bieten dann eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich mit mächtigen und kompetenten Spielfiguren zu identifizieren und wenigstens in der virtuellen Welt als Sieger dazustehen. Das macht es auch besonders schwierig, von der Droge zu lassen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema