Medizin:Die Intensivstation ist für alle da

Intensivstation des RKH Klinikum Ludwigsburg

Der Impfstatus sollte nicht entscheiden, wer bei der Belegung der Intensivbetten Vorrang hat.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

In Zeiten knapper Ressourcen sollte es in Kliniken für Geimpfte Vorfahrt geben? Warum dieser Gedanke falsch ist.

Kommentar von Felix Hütten

Die Impfquote in Deutschland ist zu gering; Expertinnen und Experten sorgen sich, denn zu viele Menschen ohne Immunisierung könnten dem Virus weiter Auftrieb geben, die Kliniken könnten wieder an ihre Belastungsgrenzen kommen. Was also tun?

Ein Vorschlag, der schon länger kursiert und nun in einem Spiegel-Interview von der Virologin Melanie Brinkmann und dem Verhaltensökonomen Marcus Schreiber erneut aufgekommen ist: Sollte es bei hohen Inzidenzen wieder knapp werden mit den Intensivbetten, ja dann sollten geimpfte Patienten bevorzugt werden. Das fühlt sich aus dem Bauch heraus total gerecht an, immerhin, die Möglichkeiten, sich impfen zu lassen, sind nun wirklich da. Wer jetzt noch keine Spritze im Arm hatte, ist selbst schuld.

Krankenhäuser sollten nicht die Orte der finalen Abrechnung mit Impfgegnern sein

Doch so einfach ist es nicht, denn die Gründe fürs Nichtimpfen sind komplex, da geht es um den Sog von Desinformationen, um fehlenden Antrieb und große Angst; gar nicht immer nur um radikale Ablehnung.

Und selbst wenn: Krankenhäuser sind nicht Ort der finalen Abrechnung, Ärztinnen und Ärzte richten nicht über Menschen, sie bevorzugen oder bestrafen nicht. Sie helfen, egal, wen sie da vor sich haben. Würden Mediziner ihre Entscheidungen für oder gegen das Leben einzig nach persönlichen Wertvorstellungen treffen, stiege damit nicht die Gerechtigkeit im Krankenhaus, im Gegenteil.

Die Entscheidung also, welcher Patient welche Behandlung bekommt, müssen sie nach medizinischen Parametern ausrichten, weniger nach moralischen: Welche Perspektive hat der Patient? Welche Vorerkrankungen hat er? Welche Therapie ist Erfolg versprechend? Aber auch: Ist es trotz geringer Überlebenschancen ethisch noch zu rechtfertigen, für diesen Menschen alle Waffen der Intensivmedizin einzusetzen - natürlich auch in Abwägung zu der Frage, ob andere Patienten dadurch zu kurz kommen könnten.

Die Antworten finden Ärztinnen und Ärzte in Gesprächen im Team, in Krankenakten, in Laborbefunden und CT-Aufnahmen, nicht im Impfpass eines Menschen. Es ist mit Blick auf die vergangenen Corona-Wellen außerdem doch unwahrscheinlich, dass zwei Patienten mit identischem Verlauf um eine Behandlung kämpfen und sich allein im Impfstatus unterscheiden. Damit wird klar, dass es sich hier um eine Scheindebatte handelt, die an der Realität in den Kliniken vorbeigeht.

© SZ
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