Süddeutsche Zeitung

Innovation:Wie Drohnen Frauen den Zugang zu Medizin erleichtern

  • Zwei Unternehmer haben Drohnen entwickelt, mit deren Hilfe sie Medizin und Nahrungsmittel für schwangere Frauen, Mütter und Kinder in entlegene Regionen von Malawi transportieren wollen.
  • Die Fluggeräte sollen zunächst drei verschiedene Pakete liefern.
  • Auch eine Box mit einer Erstausstattung für Babys soll durch die Luft transportiert werden.

Drohnen haben Eugene Maseya schon während seines Studiums fasziniert. Einmal zeigte der Mathematiker aus Malawi eines seiner Modelle seinem Cousin, dessen Frau und den zwei kleinen Töchtern. Die Mädchen fanden die Drohne spannend. "Wären die beiden Jungen, dann würde ich ihnen eine Drohne kaufen", sagte die Frau des Cousins. Maseya hat diese Reaktion gestört: "Warum können Mädchen keine Drohnen haben?" Doch so sei das nun einmal in Malawi: Frauen und Technik, das passe für viele nicht zusammen.

Eugene Maseya ist anderer Meinung. "Frauen sollten neuen Technologien nutzen, um ihre Situation zu verbessern", sagt er. Wie das aussehen kann, zeigt er mit einem Start-up, das er gemeinsam mit Thomas Lauzon aus den USA gegründet hat: Mamabird.

Die Unternehmer haben Drohnen entwickelt, mit deren Hilfe sie Medizin, Impfstoffe und Nahrungsmittel für schwangere Frauen, Mütter und Kinder in entlegene Regionen von Malawi transportieren wollen.

In Berlin nehmen Maseya und Lauzon an einem Programm des Vodafone Instituts teil. "F-Lane" fördert in Zusammenarbeit mit dem Impact Hub Berlin und der Social Entrepreneurship Academy technologieorientierte Gründer, die ein soziales Problem unternehmerisch lösen und einen Fokus auf Frauen haben. In diesem Jahr geht das Programm in die dritte Runde.

Fast die Hälfte der befragten Gründerinnen gab an, in der Branche nicht ernst genommen zu werden

Alice Deißner, die "F-Lane" im Vodafone Institut ins Leben gerufen hat, erzählt, warum ein solches Programm heute immer noch bitter nötig sei. Denn nicht nur in Malawi bezweifelten viele, dass Frauen und Technik zusammenpassen. "Wenn Sie auf Start-up-Konferenzen oder Investoren-Runden unterwegs sind, dann treffen Sie auf eine sehr homogene Gruppe", sagt sie. "Start-up-Unternehmer sind häufig männlich, zwischen 25 und 35 Jahre alt und mit einem recht ausgeprägten Ego ausgestattet."

Ihr Institut befragte 2016 deutsche Gründerinnen zu ihrer Situation. Fast die Hälfte gab an, in der Branche nicht ernst genommen zu werden. 62 Prozent fühlten sich von Investoren und Kreditgebern benachteiligt.

"Ich war geschockt zu hören, dass nicht wenige Gründerinnen männliche Mitarbeiter mit zu Investorengesprächen nehmen, um ernst genommen zu werden", sagt Deißner. In anderen Ländern sieht es ähnlich aus wie in Deutschland. Das zeigten zuletzt die Berichte über Sexismus im Silicon Valley.

Was aber bedeutet das für die Technologie-Branche? Wo der weibliche Blick fehle, da fehlten auch Produkte und Dienstleistungen, die sich speziell an den Bedürfnissen von Frauen orientierten, denkt Deißner. "Ich fürchte, dass wir Frauen uns eines Tages in einer Welt wiederfinden, die nicht für uns gemacht ist." Deswegen fördere "F-Lane" junge Unternehmen, die sich an Frauen richteten. Viele davon sind von Frauen gegründet, aber nicht alle.

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"Frauen verändern Wirtschaft" ist das Motto des Frauenwirtschaftsmagazins Plan W. Die neue Ausgabe erscheint am 14. April, Schwerpunkt Emotionen.

So wie "Mamabird", das Start-up von Eugene Maseya und Thomas Lauzon, das die Situationen von malawischen Frauen auf dem Land verbessern will. 60 bis 80 Prozent der Einwohner von Malawi wohnten in ländlichen Regionen, in denen der nächste Arzt, das nächste Krankenhaus zehn Kilometer oder noch weiter entfernt sind, erzählt Maseya: "Die Menschen haben keine Autos, es gibt in Malawi nicht einmal ein ausgebautes Straßennetz." Wer einen Arzt oder Medikamente braucht, der muss die Entfernung zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen.

Blutproben fliegen per Drohnen ins Krankenhaus

Viele Schwangere brächten daher ihre Babys in ihrem Heimatdorf unter schlechten hygienischen Bedingungen zur Welt. Malawi habe eine der höchsten Säuglingssterberaten der Welt, sagt Maseya. Viele Kinder seien zudem unterernährt.

Er hat schon Erfahrung darin, die Situation in seinem Heimatland mit Hilfe seiner Drohnen zu verbessern. Sein 2016 gegründetes Unternehmen "Craft & Theory Flying Labs Malawi" stellt über Drohnen gewonnene Daten für Maßnahmen zum Klima-, Katastrophen- und Umweltschutz bereit.

Thomas Lauzon lernte er vor drei Jahren im Internet kennen, weil sie sich beide für eine Ausschreibung von Unicef interessierten. Die Nichtregierungsorganisation wollte Blutproben auf Drohnen in Krankenhäuser transportieren. Maseya und Lauzon taten sich zusammen. Den Zuschlag für das Unicef-Programm erhielt zwar ein anderes Unternehmen, doch die beiden Männer blieben in Kontakt und dachten über ein gemeinsames Unternehmen nach.

Thomas Lauzon kam nach Malawi. "Die Situation der Frauen und Kinder hat mir die Augen geöffnet", sagt er. Wer in einem Land wie den USA oder in Europa lebe, der sei daran gewohnt, dass Mütter und ihre Babys gut versorgt seien. Nicht so in Malawi: "20 Menschen teilen sich dort zwei kleine Hütten, die Kinder spielen im Schmutz." Die Frauen säßen ebenfalls auf dem Boden, stillten ein Kind, während ein anderes auf ihrem Rücken sitze.

"Natürlich wusste ich immer, in welcher privilegierten Situation wir in den USA oder Europa leben", sagt Lauzon. "Doch die Berichte der Frauen zu hören, die Kinder wegen der schlechten Bedingungen verloren haben, ihre Tränen zu sehen, das hat mich völlig niedergeschmettert." Nach dem Schock kam der Wunsch: "Wir müssen etwas tun."

Die Gründer wollen die Frauen und deren Töchter darin schulen, die Drohnen selbst zu bedienen

Aus diesem Gefühl heraus entwickelten die Männer die Idee für Mamabird. Die Frauen wollen sie schulen, die Drohnen selbst zu bedienen. Zum Beispiel planen sie, dass jede Drohne mit einem Smartphone oder einem Tablet ausgestattet ist, auf dem sich Anleitungsvideos finden. "Wir wollen so auch ihre Töchter ermutigen, sich mit Technik zu beschäftigen", sagt Lauzon. Damit sie vielleicht eines Tages selbst eine Idee haben, die das Leben von Frauen verbessert.

Für ihre Drohnen haben die Gründer drei Pakete vorgesehen: eines mit einem "Clean-Birth-Kit", das unter anderem sterilisierte Klingen, Desinfektionsmittel und Medikamente enthält. Außerdem ein Paket mit therapeutischer Fertignahrung, die eine schnelle Kalorienzufuhr bei Unterernährung garantiert.

Auch eine Babybox mit einer Baby-Erstausstattung nach finnischem Vorbild, die als Babybett genutzt werden kann, fänden sie eine gute Idee. "Viele Babys in Malawi verbringen ihre ersten Tage in einer Umgebung, in der sie sich mit Krankheiten anstecken", sagt Maseya.

"Eine Frau im Unternehmen könnte uns besser sagen, wenn wir komplett falsch liegen"

Demnächst wollen die Gründer ihren Prototypen in Malawi testen. Dafür sind sie schon in Gesprächen mit Unicef. In Zukunft planen sie mit 2000 Flügen pro Tag, gerne möchten sie ihr Unternehmen auch auf andere afrikanische Länder ausdehnen. Nun sind sie aber erst einmal in Berlin.

Insgesamt fünf Start-ups bekommen hier im Rahmen von "F-Lane" Schulungen zu Themen wie Marketing und Präsentation, jedem Team wird außerdem ein Mentor zugeteilt. Anfang Mai sollen die Gründer und Gründerinnen ihre Ideen vor Investoren präsentieren - und im Idealfall Geldgeber für sich gewinnen.

Ein weiteres großes Ziel haben die Gründer von Mamabird allerdings noch für die nahe Zukunft: Sie wollen eine Frau ins Unternehmen holen. Bisher arbeiten sie lediglich mit Beraterinnen. "Eine Frau im Unternehmen könnte uns besser sagen, wenn wir komplett falsch liegen. Oder etwas übersehen", sagt Lauzon. Der weibliche Blick, den F-Lane-Initiatorin Alice Deißner vermisst, er scheint auch den Gründern von Mamabird unersetzlich.

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Quelle:
SZ vom 12.04.2018/hach
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