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Infektionsschutz:Man muss es nur richtig anstellen

RESTART-19 Covid Transmission Risk Simulation For Large Indoor Events

Immer schön die Maske aufbehalten: Grundlage der Studie sind Kurzkonzerte des Künstlers Tim Bendzko im August in der Arena Leipzig.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Konzerte sind auch in Corona-Zeiten möglich - davon sind zumindest Infektiologen an der Universität Halle nach einem Großversuch überzeugt.

Von Cornelius Pollmer und Berit Uhlmann

Kaum eine Idee erscheint derzeit ferner, als mit Tausenden Fremden ein Konzert in einer Arena zu besuchen. Die Ansteckungszahlen steigen rasant, Bund und Länder haben gerade beschlossen, alle Veranstaltungen, "die der Unterhaltung dienen", zu verbieten. Da wird selbst ein Ständchen im Wirtshaus-Hinterzimmer illegal. Dennoch passt das Projekt in die Zeit, das Wissenschaftler der Universitätsmedizin Halle (Saale) seit Monaten vorangetrieben haben - und sei es, um die Hoffnung auf eine baldige Wiedereröffnung zu nähren: ein Großversuch, ob Sport- und Kulturveranstaltungen unter Bedingungen einer Pandemie funktionieren können. Am Donnerstag stellten sie ihre Ergebnisse vor. Demnach lässt sich die Gefahr einer Corona-Infektion bei solchen Veranstaltungen mit einigen Maßnahmen deutlich verringern.

Dazu zählen die Steuerung von Belüftung und Auslastung der Zuschauerbereiche, das ständige Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sowie angepasste Sitz- und Einlasskonzepte für das Publikum. Die Ergebnisse sind noch nicht wissenschaftlich publiziert und wurden deshalb noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft.

Das Projekt unter Führung von Stefan Moritz, Leiter der Infektiologie an der Universitätsmedizin in Halle, geht im Kern auf einen Großversuch am 22. August in der Arena Leipzig zurück. Etwas mehr als 1400 Probanden waren damals mit FFP2-Masken und Kontaktverfolgungstechnik ausgestattet worden und hatten eine eigens organisierte Folge von Kurzkonzerten des Künstlers Tim Bendzko in der Arena besucht. Moritz und sein Team hatten an diesem Tag drei verschiedene Szenarien in der Halle arrangiert und gemessen und dabei zum Beispiel Sitzordnung und Abstände zwischen den Zuschauern variiert.

In der Folge des echten Versuchs wurde keine Infektion verzeichnet

Ziel dieses Auftakts der Studie "Restart-19" war laut den Medizinern die Entwicklung eines mathematischen Modells, mit dem das Risiko eines Corona-Ausbruchs nach einer Großveranstaltung in einer Halle bewertet werden kann. Infolge des echten Versuchs in Leipzig sei keine Infektion eines Probanden zu verzeichnen gewesen, sagte Stefan Moritz am Donnerstag. In einer anschließenden Computersimulation hingegen habe man 24 virtuelle Konzertbesucher "infektiös gemacht" und versucht, die Wege des Virus und damit mögliche Ansteckungsrisiken zu beschreiben.

In der Studie wurden verschiedene Auslastungen der simulierten Arena mit Zuschauern (100 Prozent, 50 Prozent, 25 Prozent) jeweils kombiniert mit verschiedenen Sitz- und Belüftungskonzepten. Als Fazit sprach Moritz Empfehlungen aus, mit welchen Einschränkungen Veranstaltungen in Hallen möglich seien, sofern die Sieben-Tage-Inzidenz dies überhaupt zulässt.

Grundsätzlich empfahl Moritz die Bestuhlung aller Konzerte, um die Anzahl der Kontakte durch sich fortlaufend bewegende Zuschauer gering zu halten. Zudem sollte es mehr Zugangsschleusen zu Hallen geben, um längere Kontakte mit Fremden zu vermeiden; die Besucher müssten ständig einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 pro 100 000 Einwohner solle die Auslastung im Vergleich zur üblichen Kapazität pro Woche und Veranstaltungsort auf 50 Prozent gedeckelt werden, bei einer Inzidenz über 50 auf 25 Prozent. Zudem sei es ratsam, ein Bewertungssystem für Veranstaltungsräume hinsichtlich etwa ihrer Belüftungsmöglichkeiten einzuführen und überhaupt in moderne Belüftungstechnik zu investieren.

Keine komplett guten Nachricht für die Konzertbranche

Für die Konzertbranche sind das keine komplett guten Nachrichten, aber doch deutlich bessere als zu Beginn der Pandemie. Clubs, Konzerte und überhaupt Musik waren früh in den Fokus geraten, als Wissenschaftler Veranstaltungen dokumentierten, die sich im Nachhinein als Quelle zahlreicher Infektionen herausgestellt hatten. In Südkorea beispielsweise wurden mehr als 2000 Ansteckungen auf ein religiöses Treffen zurückgeführt; die Teilnehmer hatten eng zusammengesessen, gebetet - und gesungen. Mehr als 50 Infektionen gingen wahrscheinlich von einer einzigen Probe eines Kirchenchores nahe Seattle in den USA aus. Und als ein Trupp infizierter Musiker in Hongkong durch drei Bars tingelte, steckten sich insgesamt etwa 100 Menschen an.

Nun wird selbstverständlich nicht jede musikalische Darbietung zum Superspreading-Event. Das Bratschenkonzert vor einem versprengten Publikum im hohen Saal dürfte eher wenig Gefahr bergen. Aber plausibel ist, dass Musikveranstaltungen für das Virus günstig sind. Gerade dann, wenn diese einige ihrer sonst besten Eigenschaften entfalten, wenn sie Menschen mitreißen, verbinden, einander nahe bringen. Die mühsam eingeübte Distanz kann dann schnell vergessen werden. Und wenn Menschen in ihrer Begeisterung mitsingen, jubeln, tanzen, stoßen sie mehr Atemluft und damit eben auch mehr jener Tröpfchen aus, mit denen Viruspartikel reisen können.

Ein ruhig atmender Mensch entlässt pro Sekunde im Mittel etwa 50 winzige Tröpfchen, Aerosole genannt. Sänger kommen dagegen locker auf 6000 dieser Partikel. In Untersuchungen der Berliner Charité und der Technischen Universität Berlin produzierten einige Sängerinnen mehr als 8000 Aerosole pro Sekunde; die Künstlerinnen boten Felix Mendelssohn Bartholdy dar. Je mehr der Gesang anschwoll, desto mehr Partikel entstanden.

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Aerosole sind gefürchtet, weil sie ihres geringen Gewichts wegen minuten- oder gar stundenlang im Raum schweben und - wenn sie von einem Luftstrom erfasst werden - mehrere Meter zurücklegen können. Durch Lüften oder Filter kann dieses Risiko allerdings minimiert werden.

Um Risiko und dessen Einschätzung geht es letztlich auch Michael Gekle, Dekan der Universitätsmedizin Halle. "Die Dramaturgie könnte nicht besser sein", sagte er am Donnerstag mit Blick auf die gerade erst beschlossenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens im November. Die Ergebnisse aus Halle zielen mehr auf die Zeit danach. Statt eines generellen Verbots von Publikum bei größeren Musik- und Sportveranstaltungen in Arenen wie der Leipziger will Gekle politische Entscheidungen auf der Basis von "Kenntnis, Fakten, Vernunft und Transparenz" unterstützen. Dies sei gerade vor dem Hintergrund ratsam, dass die Pandemie das Land noch eine Weile prägen wird. Und dabei gelte, so Gekle, "wiewohl die Lage komplex ist: Keine Kultur ist auch keine Lösung".

© SZ
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