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Infektionskontrolle:Was ist "Krankheit X"?

Bis hierhin wären die Einschätzungen vergleichsweise übersichtlich, stünde auf der WHO-Liste nicht seit Kurzem auch die "Krankheit X". Hinter dem Kürzel kann sich ein bekannter Erreger verbergen, der sich verändert hat oder eine bis dahin nicht bekannte Eigenschaft offenbart, sagt Peter Salama. X kann aber auch eine unbekannte Mikrobe sein, die irgendwo in der Wildnis lauert, ohne dass die Welt gegen sie gerüstet ist. Geht man von den Erfahrungen der Vergangenheit aus, ist X am wahrscheinlichsten ein Virus, das von einem Wildtier auf einen Menschen überspringt. Zu diesen Tieren dürften in erster Linie solche gehören, die in enger Nähe zum Menschen leben, was vor allem Ratten zur Bedrohung macht.

Auch Affen sind verdächtige Wirte, da sie so eng mit dem Menschen verwandt sind, sowie Fledermäuse, weil sie eine große Zahl verschiedener Viren beherbergen. Zu diesen Einschätzungen kamen unter anderem Wissenschaftler des von der US-Regierung finanzierten Predict-Programms zur Seuchenvorhersage. Sie identifizierten zugleich Orte, an denen sich potenziell gefährliche Viren am ehesten verbergen. Dazu gehören Fledermauskolonien in Mittel- und Südamerika oder Ratten in Zentral-afrika und Teilen Amerikas.

Die Vorhersagen sind zwar nicht besonders präzise, sondern setzen eher Prioritäten für weitere Vorhaben, deren ambitioniertestes derzeit das Global Virome Project ist. Ab diesem Sommer soll das von verschiedenen öffentlichen und privaten Institutionen finanzierte Projekt so gut wie alle Viren beschreiben, die den Menschen infizieren könnten. Ihre Zahl wird auf 600 000 bis 800 000 geschätzt. Eine gewaltige Menge angesichts der geringen Anzahl krankmachender Viren, die der Mensch derzeit kennt: Es sind etwa 260.

Kritiker des Projekts verweisen darauf, dass es schon bei diesen Erregern nur unzureichend gelingt, treffende Vorhersagen zu erstellen. So erinnerten Biologen aus Sydney in der Fachzeitschrift Open Biology daran, wie kolossal falsch manche Prognosen in der Vergangenheit waren. Ebola beispielsweise galt als unwahrscheinlicher Kandidat für eine größere Epidemie. Das Virus tötet seine Opfer so schnell, dass es nicht mehr effektiv weiterverbreitet wird, hieß es lange Zeit.

Das Zika-Virus galt mehr als 60 Jahre lang als relativ harmlos. Ebenso wiesen frühere Versuche, die Hotspots der Seuchengefahren zu lokalisieren, bisweilen grobe Fehleinschätzungen auf. Saudi-Arabien etwa wurde als eher ungefährlicher Ort beschrieben, tatsächlich tauchte genau dort das Mers-Virus auf - in Dromedaren, die nicht als typische Wirtstiere wahrgenommen wurden. Die Beschreibung einer enormen Zahl von Viren werde wohl kaum Informationen zur Pandemie-Prognose liefern können, so die Wissenschaftler.

In einem Kommentar im Lancet war vor wenigen Tagen sogar zu lesen, dass die Welt wohl am ehesten eine "Anti-Hybris-Impfung" brauche, wenn sie glaube, die Veränderungen der mikrobiologischen Welt vorhersagen oder gar kontrollieren zu können. Auch Salama ist zurückhaltend, was den künftigen Schutz vor Epidemien angeht: "Wir sind heute besser vorbereitet als zur Zeit von Ebola. Dennoch: Die Welt ist nicht komplett sicher." An seinem Arbeitsplatz werden 5000 Ausbrüche pro Monat registriert, jede dieser Meldungen könnte der Beginn einer neuen schweren Seuche sein.

© SZ vom 07.03.2018

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