Infektionen Die Rückkehr des Tripper

Extrem widerspenstig und wandlungsfähig: Neisseria gonorrhoeae.

(Foto: US CDC)

Die Gonorrhoe nimmt zu und wird immer schwerer zu behandeln. Nun lässt ein Zufallsfund Experten hoffen: Ein alter Meningitis-Impfstoff könnte womöglich die Geschlechtskrankheit verhindern.

Von Berit Uhlmann

Es begann mit einem beunruhigenden Ausbruch im Neuseeland der 1990er-Jahre: Meningokokken B - die gefürchteten Erreger der Hirnhautentzündung - verbreiteten sich quer durch das Land. Jahr für Jahr stiegen die Infektionszahlen, bis die Regierung 2004 eine Massenimpfung für unter 20-Jährige einführte. Fünf Jahre später entdeckten Epidemiologen eine Auffälligkeit: Nicht nur die Kurve der Meningokokken-Infektionen war abgeflacht, sondern auch die der Geschlechtskrankheit Gonorrhoe, im Volksmund "Tripper".

Ein Zufall? Ähnliche Entwicklungen wurden in Kuba und Norwegen beobachtet. Hinzu kommt, dass die Erreger beider Erkrankungen - Neisseria gonorrhoeae und Neisseria meningitidis - genetisch zu 80 bis 90 Prozent übereinstimmen. Mediziner aus Auckland haben den Zusammenhang nun genauer betrachtet. Sie sichteten die Unterlagen von fast 15 000 jungen Menschen, die in den vergangenen Jahren eine Klinik für Geschlechtskrankheiten aufgesucht hatten. Es zeigte sich, dass jene, die zuvor die Impfung erhalten hatten, seltener die Diagnose Gonorrhoe erhielten als die Ungeimpften. Die Forscher schätzen, dass die Meningitis-Prävention die Zahl der Tripperfälle um 31 Prozent verringert hat. Auf die Ansteckung mit Chlamydien, die die Forscher zur Kontrolle heranzogen, hatte der Impfstatus dagegen keinen Einfluss.

Die im Fachblatt Lancet publizierte Studie wurde vom Pharmakonzern Novartis finanziert. Als retrospektive Beobachtung ist sie zwar weit vom Gold-Standard der Forschung entfernt. Dennoch, so sagt Studienautorin Helen Petousis-Harris: "Es ist das erste Mal, dass ein Impfstoff überhaupt einen Schutz vor Gonorrhoe gezeigt hat." Eine "Überraschung" nennt Norbert Brockmeyer vom Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin an der Dermatologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum, das Ergebnis.

Seit mehr als 100 Jahren wird nach einem Impfstoff gegen die uralte Infektion gesucht, die unbehandelt zu schweren Entzündungen und Unfruchtbarkeit führen kann. Vier Kandidaten schafften es in die Testphase, alle versagten. Das liegt auch daran, dass eine Infektion mit der Krankheit keine Immunität hinterlässt, es fehlt Wissenschaftlern somit eine Vorlage für den Impfschutz.

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Dass nun per Zufall ein Ansatz für weitere Forschungen gefunden ist, nennt Brockmeyer "großartig", wenngleich sich bereits potenzielle Probleme abzeichnen. Die Wirkung der Impfung scheint sich recht schnell abzuschwächen. Menschen, die mit Gonorrhoe und Chlamydien gleichzeitig infiziert waren, sprachen deutlich schlechter auf die Impfung an; auf nur 14 Prozent bezifferten die neuseeländischen Forscher den Schutz in dieser Gruppe. "Solche Co-Infektionen kommen häufig vor", warnt Brockmeyer. Außerdem wird der damals in Neuseeland eingesetzte Impfstoff heute nicht mehr verwendet. Und überhaupt: Was nützt ein Schutz, wenn nur ein Drittel von ihm profitiert? Brockmeyer sagt: "Auch 30 Prozent wären schon ein großer Erfolg."

Denn die Gonorrhoe ist noch immer ein Problem. 78 Millionen Menschen erkranken nach den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr. In Deutschland hat es sich als Trugschluss erwiesen, dass man am Ende des 20. Jahrhunderts die alte Geschlechtskrankheit für längst erledigt hielt. 2001 wurde die Meldepflicht für die meisten sexuell übertragbaren Krankheiten aufgehoben. Und so sind Experten heute mit einem Problem konfrontiert, das sie nicht exakt belegen können, für das aber Daten aus dem Ausland sowie aus Sachsen, dem einzigen Bundesland mit Meldepflicht, sprechen: Abseits der öffentlichen Wahrnehmung nehmen die Geschlechtskrankheiten wieder zu.

In Deutschland stecken sich vermutlich zwischen 20 000 und 25 000 Menschen pro Jahr an

Brockmeyer, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für sexuell übertragbare Infektionen (STI) ist, schätzt, dass sich in Deutschland jährlich 20 000 bis 25 000 Menschen mit Gonokokken anstecken. Wenn sie die Infektion überhaupt bemerken, löst sie nicht unbedingt Unruhe aus. "Viele Menschen glauben, dass es sich um eine harmlose Infektion handelt, die mit Medikamenten schnell behandelt werden kann", sagt er.

Doch auch das könnte sich als Irrtum erweisen. Erst vor wenigen Tagen warnte die WHO, dass Ärzte bald mit leeren Händen vor den Erkrankten stehen könnten. In zwei Dritteln aller Länder registrierte die Behörde Resistenzen gegen die letzten verfügbaren Antibiotika. In Deutschland ist nur noch ein Medikament halbwegs unproblematisch: Gegen Ceftriaxon sind derzeit nur 0,5 Prozent der Bakterienproben resistent. Aber auch das kann sich schnell ändern.

"Das Bakterium, das die Gonorrhoe auslöst, ist besonders trickreich. Jedes Mal wenn wir eine neue Klasse von Antibiotika verwenden, beginnt es, Widerstand dagegen zu entwickeln", sagt Teodora Wi von der WHO. Die kurze Haltbarkeit der Antibiotika macht zugleich deren Erforschung unattraktiv. Derzeit werden nur drei Kandidaten gegen die Erreger der Gonorrhoe erprobt, lediglich einer hat die letzte Studienphase erreicht. Die Welt steuert damit auf eine Situation zu, die sie zuletzt vor vielen Jahrzehnten erlebt hat. Das einzige Mittel gegen die Gonorrhoe bleibt dann das Kondom.

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