Impfgegner Gefühlte Wahrheiten im Gewand der Wissenschaftlichkeit

Dieser Satz, so selbstverständlich dahingesagt von einer Trägerin des Deutschen Fernsehpreises, muss einem Angst und Bange machen. Mit anderen Worten sagt Frau Scheider: Wer eine Meinung hat, hat Ahnung. Und wer meint, Ahnung zu haben, darf seine Ahnungen in der Öffentlichkeit streuen, egal, ob sie sich belegen lassen oder nicht. Man darf vermuten, verkürzen, raunen. Und man darf Alternativen anbieten zu dem, was wissenschaftlich abgesichert oder gründlich recherchiert ist. Alternativen zu dem, was gemeinhin "Fakten" heißt.

Oft kommen diese Alternativen im Gewand der Wissenschaftlichkeit daher. Es wird von Studien gesprochen oder anderen Belegen. Und mittlerweile erreicht man damit ein respektables Publikum. Das ist nicht nur beim Thema Impfen so. Ob es nun um vorgebliche Risiken in der Medizin, um neue Technologien oder Maßnahmen in der Landwirtschaft geht, das Motiv zieht sich durch immer neue Felder. Es betrifft auch politische Ereignisse wie die Äußerung des Verfassungsschutzchefs Hans-Georg Maaßens, bei einer Videoaufnahme der Hetzjagd in Chemnitz handele es sich nach seiner "vorsichtigen Bewertung" um eine "gezielte Falschinformation".

Der Verweis auf eine vorsichtige Bewertung vermittelt auch hier einen Eindruck von Expertise. Der Verdacht war nachweislich falsch, der Schaden ist angerichtet. Die Zweifel sind gesät, die Legende in der Welt. Mehr noch: Der selbsternannte Videoexperte Maaßen würde es nach eigener Aussage wieder tun, er würde das gleiche Interview noch einmal geben. Es war halt sein Gefühl.

Unangenehme Fragen müssen gestellt werden

Der alternative, gefühlte Fakt ist der Lebenssaft jeder Form von Populismus. Dass diese gehaltfreie Soße inzwischen fast überall ungehindert fließt, ist mehr als kritikwürdig. Es ist alarmierend. Jeder, dem die Zukunft und Gesundheit der eigenen Kinder, der Schutz der Menschenwürde und der Freiheit, schützenswert erscheinen, muss sich gegen diese Entwicklung engagieren. Die Frage ist: Wie?

Die Sozialpsychologie hat das Wesen von Fakes und ihrer Verbreitung in Zeiten sozialer Netzwerke inzwischen vielfach untersucht und wenig Hoffnungsvolles zu berichten. Der Mensch wünscht sich Bestätigung. Was er sich nicht wünscht, sind kritische Fragen. Deshalb entstehen Echokammern, in denen die Selbstvergewisserung dominiert und keine kritischen Fragen gestellt werden. Das ist nicht nur im Internet so. In Berlin etwa haben sich Nichtregierungsorganisationen vergangene Woche zu einer Konferenz getroffen, um über die neue Gentechnik zu sprechen. Auch über die angeblichen Risiken, die man zu erkennen glaubt. Anders als bei echten wissenschaftlichen Veranstaltungen durften Journalisten nicht teilnehmen.

Doch die unangenehmen Fragen müssen gestellt werden - und es muss eine ehrliche Auseinandersetzung damit stattfinden, was wirklich stimmt und was nicht. Eltern sollten wenn, dann nicht nur Ärzten und der Pharmaindustrie gegenüber kritisch sein. Sondern unbedingt auch denen gegenüber Zweifel hegen, die ihnen nach dem Bauch reden. Das ist nämlich viel einfacher, als einen Impfstoff zu entwickeln oder Gerüchte aus der Welt zu schaffen.

Maaßen spielt den Verächtern der Demokratie in die Hände

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