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Seuchenkontrolle:Impfstoff auf Verdacht

Ebola in Liberia

Der Ebola-Epidemie in Westafrika stand die Welt lange Zeit machtlos gegenüber. Wissenschaftler wollen die Entwicklung von Impfstoffen nun beschleunigen.

(Foto: dpa)
  • Für die Ebola-Epidemie in Westafrika kam ein wirksamer Impfstoff viel zu spät. Virologen wollen Wirkstoffe daher schneller entwickeln als bisher.
  • Dazu wollen sie Vakzine für Erreger finden, die bislang noch nicht zum Ausbruch einer Seuche geführt haben.
  • Ein Problem ist die Finanzierung der Studien.

Es war ein furchtbarer November für Westafrika. Ein Monat des Elends und des Todes. Vor einem Jahr erreichte die Ebola-Epidemie ihren Höhepunkt und die ganze Welt kämpfte dagegen an. Ohne wirksames Medikament. Ohne einen zugelassenen Impfstoff. Alles, was die Ebolaforschung den Sterbenden zu bieten hatte, war experimentell - unerprobt am Menschen und bestenfalls ein Wagnis. Als man endlich einen sicheren und wirksamen Impfstoff entwickelt hatte, war Ebola in Liberia längst eingedämmt. Jetzt, da die Zulassung dieses Vakzins erwartet wird, ist es für die 11 300 Todesopfer der Epidemie zu spät. In Guinea sind seit Wochen keine neuen Fälle aufgetreten.

Sierra Leone gilt seit 18 Tagen als ebolafrei. Deshalb soll Ebola jetzt zum Lehrstück werden. Wie kann man verhindern, dass in künftigen Epidemien wieder ein Impfstoff zu spät kommt? Schon während die ersten Tests zur Sicherheit des Ebola-Vakzins VSV-EBOV in Hamburg geplant wurden, forderten Virologen ein höheres Tempo in der Impfstoffentwicklung. Inzwischen sind sich Fachleute einig, wie eine solche Beschleunigung zu bewerkstelligen ist: indem man dem möglichen Seuchengeschehen vorgreift. Demnach sollen Impfstoffkandidaten gegen eine Reihe von Keimen mit epidemischem oder sogar pandemischem - also weltumspannendem - Potenzial entwickelt werden.

Ebola

Chronik eines beispiellosen Ausbruchs

Als entscheidend gilt der zweite Schritt: Die Vakzine müssen nach Ansicht der Experten nicht nur an Tieren, sondern auch schon an Menschen getestet werden, und zwar bevor die entsprechenden Erreger überhaupt einen Ausbruch verursachen. "Es wäre ausreichend, Tests an einer jeweils kleinen Gruppe von Freiwilligen durchzuführen", erklärt Marylyn Addo vom Universitätsklinikum in Hamburg Eppendorf. Durch die Tests an Gesunden ließe sich zeigen, ob die Präparate verträglich sind oder ob sie Nebenwirkungen verursachen. Im Medizinerjargon heißen diese Tests Phase-1-Studien. Sie sind verpflichtend, bevor die Wirksamkeit eines Medikaments oder einer Impfung überprüft werden kann.

Die Forscher versprechen sich einen kostbaren Zeitgewinn

Die Professorin des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) ist nicht als Einzige überzeugt davon, dass sich der überschaubar wirkende Aufwand einer vorgezogenen Phase 1 lohnt. Denn sobald einer der betreffenden Erreger tatsächlich grassiert und Menschen bedroht, könnten die Ärzte einfach ins Regal greifen und den Impfstoff sofort auf seine Wirksamkeit an den Patienten prüfen - also in die sogenannte Phase 2 der klinischen Entwicklung einsteigen. Es gibt inzwischen auch Studienkonzepte, die diese zweite mit der letzten, dritten Phase der klinischen Entwicklung zusammenführen, den Prozess also nochmals verkürzen.

Die Forscher versprechen sich von einem vorgetesteten Impfstoff einen kostbaren Zeitgewinn. Bei Ebola begannen die Tests auf Verträglichkeit erst, als der Höhepunkt der Epidemie beinahe überschritten war - im besagten November 2014, fast ein Jahr, nachdem ein Kind in Guinea die verheerende Infektionskette ausgelöst hatte. Auch für Stephan Becker ist klar, dass so etwas nicht noch einmal passieren darf. Der Leiter des Instituts für Virologie in Marburg hatte sich 2014 vehement für Phase-1-Tests in Hamburg eingesetzt. "Wie viele Leben hätten wir retten können, wenn diese Tests erledigt gewesen wären?"

Vielleicht sehr viele. Vielleicht aber auch enttäuschend wenige - denn so plausibel das Konzept der beschleunigten Impfstoffentwicklung zu sein scheint: Es gibt eine Menge offener Fragen. Das wurde deutlich, als Experten unter Beteiligung von Addo und Becker das Thema vergangene Woche auf der gemeinsamen Jahrestagung des DZIF und der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie in München diskutierten. Allein die Frage, gegen welche Erreger man überhaupt Impfstoffe entwickeln soll, um vor akuten Ausbrüchen mit vielen Opfern gefeit zu sein, lässt sich von den Experten derzeit nicht klar beantworten. So haben Virologen wie der britische Impfstoffforscher Adrian Hill oder Stephan Becker vor allem Keime im Visier, die bislang eher als exotisch gelten. Zum Beispiel das Hendra-Virus, das in nur sieben bekannten Fällen auf Menschen übergesprungen ist. Oder die hämorrhagischen Erreger des Marburg-, Lassa- oder des Rift-Valley-Fiebers, die bislang begrenzte Ausbrüche verursachten. Oder Keime wie das Sars-Coronavirus, das 2002 als unbekannter Erreger zwar eine Pandemie mit weltweit knapp 1000 Toten auslöste - seither aber nie wieder aufgetaucht ist.